False Memory
Deutschland e.V.

Ich fragte ich mich: Wohin mit dem Gedankenmüll?

Über das Leben mit Scheinerinnerungen an rituellen Missbrauch aus einer Terror-Psychotherapie

Vorab möchte ich Folgendes klarstellen: Ich schreibe hier über vermeintliche Erinnerungen an Ereignisse, die nie real stattgefunden haben, sondern die als Vorstellungen im Gehirn entstanden sind. Obwohl sie nicht echt sind, benutze ich das Wort „Erinnerungen“, da es in den „therapeutischen“ Sitzungen um das Hervorholen angeblich echter Erinnerungen ging.

Rückblick: Die Therapie ist abgebrochen, die Horrorszenen bleiben

An einem bestimmten Punkt hatte ich erkannt, dass die Erinnerungen an angeblichen sexuellen und rituellen Missbrauch, die über mehrere Monate hinweg von einer Therapeutin eingepflanzt worden waren, falsch waren. Doch obwohl ich mir dessen völlig sicher war und die „Therapie“, die fast ausschließlich in Gruppensitzungen stattfand, abgebrochen hatte, wurde ich weiter von den Bildern dieser Horrorszenen überflutet. Ich hatte nachts Albträume, wurde wach und konnte nicht durchatmen.

Immer wieder fragte ich mich: Kann man diese Erinnerungen löschen? Was mache ich mit diesem Gedankenmüll und Ballast in meinem Kopf, der in der Gedankenhölle entstanden ist, in die ich mich von der Therapeutin hatte schicken lassen?

In meinem ganzen Leben hatte ich zuvor nie eine Erinnerung an sexuellen oder rituellen Missbrauch gehabt und nie einen Gedanken an reale Missbrauchs- oder Gewaltsituationen. All diese Erinnerungen waren erstmals im Zeitfenster dieser speziellen „therapeutischen“ Sitzungen aufgetaucht, weil sie dort überhaupt erst erzeugt worden waren.

In der Therapie war es gewesen, als liefen zwei Bewusstseinsspuren nebeneinander: Auf der einen wusste ich schon relativ früh, es ist nicht wahr. Auf der anderen gab ich dem Erwartungsdruck der Therapeutin nach. Auf dieser Spur kam es immer wieder zu neuen falschen Erinnerungen. Im Nachhinein kommt es mir vor, als wäre ich die Produzentin für das Drehbuch der Therapeutin gewesen.

Immer wieder äußerte ich ihr gegenüber Zweifel an der Richtigkeit meiner Erinnerungen. Sie überging das, nahm es nicht ernst und warf mir meine Zweifel als Zeichen der Solidarität und Mittäterschaft mit den Tätern vor – ich hatte mehrere Täter „erinnert“. Immer wieder setzte sie mich unter Druck, mich weiter zu „erinnern“, indem sie sagte: „Es geht Dir besser, wenn du alles an die Oberfläche holst. Erst dann sind all deine Ängste verschwunden.“

Es war dieser Teil in mir, der sich selbst und seinem eigenen inneren Wissen nicht vertraute. Der sich gefangen fühlte, der Angst hatte, keine Grenzen setzen konnte, gehorcht hatte, nicht bei sich selbst war und in der Ohnmacht war.

Heute weiß ich: Ich kann den Film abschalten

Mit der Zeit wurden die Bilder blasser. Ich wurde ruhiger und konnte wieder durchschlafen. Wenn heute diese eingepflanzten Szenen und Bilder sporadisch hochkommen, belasten sie mich nicht mehr in der Tiefe. Ich lasse sie an mir vorbeilaufen – wie Szenen aus Krimis oder Horrorfilmen, an die ich mich erinnere, weil ich sie im Fernsehen oder Kino gesehen habe.

Manchmal schüttele ich den Kopf und denke: Wow, was für ein schlechter Film war das denn? Was für ein unglaublich schlechtes Drehbuch! Was für schlechte Schauspieler! Was für ein schlechtes Ambiente! Wie kann sich ein menschliches Gehirn nur solche Dinge ausdenken? Die Antwort ist: Es kann, wenn – wie in meinem Fall – das spezielle „therapeutische“ Setting dafür gegeben ist.

Ich denke, dass falsche Erinnerungen nicht „gelöscht“ werden können.

Aber heute weiß ich: Ich kann den Film abschalten. Ich habe das Recht dazu.

Mitten drin, weil er mir nicht gefällt.

Ich muss ihn nicht mehr anschauen.

Er ist Vergangenheit, die es nicht mehr gibt, wenn ich es so entscheide.

Ich kann selbst bestimmen, ob ich diesen Film noch einmal anschaue oder nicht. Oder ob ich die Gedanken gehen lassen will, ganz sanft, sie von außen beobachtend, im Wohlwollen für mich selbst.

Es braucht ganz viel Liebe zu mir selbst, um all das Geschehene als einen Teil meines vergangenen Lebens zu integrieren und in eine gute selbstbestimmte Zukunft zu gehen.