ENTWURF
Was ist eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS)?
Als Dissoziative Identitätsstörung (DIS) bezeichnet man eine psychiatrische Erkrankung, bei der eine Person zwei oder mehr unterschiedliche Identitäten oder Persönlichkeitsanteile aufweist, die jeweils eigene Erinnerungen, Verhaltensweisen und Gedankenmuster haben können. Diese Anteile können abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen.
Im neuesten internationalen Diagnosemanual ICD-11 wird zusätzlich die sogenannte partielle DIS (pDIS) aufgeführt. Bei dieser Variante übernimmt zumeist ein Persönlichkeitsanteil die überwiegende Kontrolle; vollständige Persönlichkeitswechsel und Amnesien sind seltener. Da die pDIS erst mit dem ICD-11 eingeführt wurde, ist die Forschungslage noch dünn – Aussagen zu Häufigkeit und Verlauf sollten entsprechend vorsichtig eingeordnet werden.
Beide Diagnosen sind in der Fachwelt umstritten.
Wie entsteht eine DIS – und was ist daran umstritten?
In der Forschung konkurrieren zwei grundlegend verschiedene Erklärungsmodelle:
Das Traumamodell geht davon aus, dass schwere Kindheitstraumata – etwa Missbrauch oder Vernachlässigung – dazu führen, dass sich die Persönlichkeit in verschiedene Anteile aufspaltet, um das Erlebte auszuhalten. Einzelne Anteile tragen dann traumatische Erinnerungen, während andere davon nichts wissen.
Das soziokognitive Modell hingegen erklärt DIS-Symptome nicht primär durch tatsächliche Traumata, sondern durch soziale und kulturelle Einflüsse: Erwartungen von Therapeutinnen und Therapeuten, Rollenmuster aus Medien und sozialen Netzwerken sowie suggestive Therapiepraktiken können demnach dazu beitragen, dass Personen entsprechende Symptome entwickeln – ohne dass ein reales Trauma zugrunde liegen muss.
Die Forschung hat bisher keinen Konsens darüber erreicht, welches Modell die Entstehung der DIS besser erklärt. Für die False-Memory-Problematik ist dieses Spannungsfeld zentral.
Welche Rolle spielt Social Media?
DIS ist eine seltene Erkrankung – nach bisherigen Schätzungen sind weniger als 1 % der Allgemeinbevölkerung betroffen. Auf Plattformen wie TikTok wird das Thema jedoch überproportional häufig thematisiert. Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Teil dieser Inhalte Mythen und Fehldarstellungen verbreitet und zu ungenauen Selbstdiagnosen einlädt. Gleichzeitig weisen manche Fachleute darauf hin, dass Online-Communities auch echten Betroffenen Austausch und Unterstützung bieten können. Der Einfluss sozialer Medien auf die Verbreitung und möglicherweise auch auf die Entstehung von DIS-Symptomen ist Gegenstand aktueller Forschung.
Welche Bedeutung hat die DIS-Diagnose im Zusammenhang mit der False-Memory-Problematik?
Für Menschen, die von Falschbeschuldigungen betroffen sind, ist die DIS-Diagnose aus mehreren Gründen relevant:
Die Diagnose kann im Kontext suggestiver Therapien entstehen. Wenn Therapeutinnen und Therapeuten aktiv nach Persönlichkeitsanteilen suchen, diese benennen und mit ihnen kommunizieren, besteht die Gefahr, dass entsprechende Symptome erst durch die Therapie erzeugt werden. Mehrere Studien belegen, dass suggestive Techniken – etwa Hypnose, geleitete Imagination oder wiederholtes Befragen – zur Entstehung falscher Erinnerungen beitragen können.
Die Diagnose kann Falschbeschuldigungen plausibilisieren. Wenn eine Person glaubt, verschiedene Persönlichkeitsanteile zu haben, die unterschiedliche Erinnerungen tragen, können auch Missbrauchsvorwürfe entstehen oder sich festigen, die auf suggestiv erzeugten Erinnerungen beruhen. Die Überzeugung, ein bestimmter Persönlichkeitsanteil erinnere sich an Missbrauch, während ein anderer davon nichts weiß, ist aus aussagepsychologischer Sicht ein deutliches Warnsignal.
Die diagnostische Abgrenzung ist anspruchsvoll. DIS-Symptome überlappen mit anderen Störungen wie PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Psychosen. Fehldiagnosen sind in beide Richtungen möglich – sowohl eine Überdiagnose als auch das Übersehen tatsächlicher Symptome.
Was sollten Betroffene von Falschbeschuldigungen wissen?
Eine DIS-Diagnose bei der beschuldigenden Person bedeutet nicht automatisch, dass die Beschuldigung falsch ist. Sie ist jedoch ein Faktor, der im Rahmen einer aussagepsychologischen Begutachtung sorgfältig geprüft werden sollte – insbesondere dann, wenn die Diagnose im Verlauf einer Therapie gestellt wurde und zeitlich mit dem Auftauchen von Missbrauchsvorwürfen zusammenfällt.
Wenn Sie von einer Falschbeschuldigung betroffen sind und die beschuldigende Person eine DIS-Diagnose hat oder erhält, empfehlen wir, frühzeitig rechtliche und fachkundige Beratung in Anspruch zu nehmen. Wir beraten Sie gern – vertraulich und kostenlos.
Quellen
- Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Lanius, R. (2019). Dissociation and its disorders: Competing models, future directions, and a way forward.
- Lynn, S. J. et al. (2022). Dissociation and Dissociative Disorders Reconsidered: Beyond Sociocognitive and Trauma Models Toward a Transtheoretical Framework. Annual Review of Clinical Psychology.
- American Psychiatric Association (2023). New Study Evaluates Quality of Information on YouTube, TikTok About Dissociative Identity Disorder.
- ScienceDirect (2023). YouTube and TikTok as a source of medical information on dissociative identity disorder.
- MindSite News (2024). TikTok's Fixation on Dissociative Identity Disorder.
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-11 Browser, Codes 6B64 und 6B65.
Quellen (Auswahl)
- Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Lanius, R. (2019). Dissociation and its disorders: Competing models, future directions, and a way forward. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0272735819300376
- Lynn, S. J., et al. (2022). Dissociation and Dissociative Disorders Reconsidered: Beyond Sociocognitive and Trauma Models Toward a Transtheoretical Framework. Annual Review of Clinical Psychology. https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-clinpsy-081219-102424
- American Psychiatric Association (2023). New Study Evaluates Quality of Information on YouTube, TikTok About Dissociative Identity Disorder. psychiatry.org. https://www.psychiatry.org/news-room/news-releases/new-study-information-on-youtube-tiktok-on-did
- ScienceDirect (2023). YouTube and TikTok as a source of medical information on dissociative identity disorder. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666915323002445
- MindSite News (2024). TikTok's Fixation on Dissociative Identity Disorder. https://mindsitenews.org/2024/10/24/tiktoks-fixation-on-dissociative-identity-disorder-chronicle-of-a-trauma-foretold/
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-11 Browser, Codes 6B64 und 6B65. https://icd.who.int/browse11/l-m/en