False Memory
Deutschland e.V.

FAQ

Hier finden Sie Informationen zu verschiedenen Themen rund um das Phänomen False Memory und zur Arbeit von False Memory Deutschland e.V. – bei wissenschaftlichen Fragestellungen auch mit den dazugehörigen Quellen.
Dieser Bereich unserer Website ist im Aufbau und wird kontinuierlich erweitert.

Weitere Informationen finden Sie auch im Abschnitt Rat und Hilfe:
"Merkblatt Recht" für Betroffene von Fehlbeschuldigungen
"Merkblatt Therapie und Erinnerung" für Menschen, die an ihren Erinnerungen zweifeln

Über den Verein

Was ist False Memory Deutschland e.V. und was macht der Verein?

False Memory Deutschland e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Betroffene, Angehörige und die interessierte Öffentlichkeit über das Phänomen falscher Erinnerungen an sexuellen Missbrauch informiert – wissenschaftlich fundiert, vertraulich und kostenlos. Der Verein bietet Aufklärung, Hintergrundinformationen und aktuelle Forschungsergebnisse zum False-Memory-Phänomen und unterstützt Betroffene mit konkreter Beratung. Darüber hinaus setzt sich der Verein für mehr Patientensicherheit in der Psychotherapie ein und engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit gegenüber Behörden, Fachverbänden und der Justiz.

Wer steht hinter False Memory Deutschland e.V.?

Der Verein wurde 2012 von Privatpersonen gegründet. Viele Mitglieder sind selbst betroffen – als fälschlich Beschuldigte oder als Menschen, die eigene Scheinerinnerungen entwickelt und aufgearbeitet haben. Alle Mitglieder und Mitarbeitenden arbeiten ehrenamtlich.

Seit Juni 2025 unterstützt ein Wissenschaftlicher Beirat die Arbeit von False Memory Deutschland e. V. mit unabhängiger Expertise aus den Bereichen Gedächtnisforschung, Psychiatrie, Psychologie und Rechtswissenschaft. Alle Mitglieder des Gremiums sind mit dem Thema False Memory bzw. Falschbeschuldigungen vertraut und verfügen über langjährige Erfahrung in Forschung oder klinischer Praxis, sind als Gutachter bei Gerichten tätig oder lehren an Universitäten.

Der Verein arbeitet gemäß seinen Leitsätzen neutral und unabhängig.

Ist False Memory Deutschland e.V. gemeinnützig?

Ja. False Memory Deutschland e.V. ist als gemeinnützig anerkannt. Spenden an den Verein sind steuerlich absetzbar.

Wie finanziert sich der Verein?

Die Vereinsarbeit wird durch Mitgliedsbeiträge und Spenden finanziert.

Der Verein wurde von der „GKV-Gemeinschaftsförderung Selbsthilfe auf Bundesebene“ nach Jahren wie folgt gefördert: Jahr 2024: 2.000,00 Euro, Jahre 2014–2023: jeweils  2.500,00 Euro.

Wie kann ich den Verein unterstützen?

Sie können den Verein auf zwei Wegen unterstützen: Sie können uns durch steuerlich begünstigte Spenden unterstützen. Als Mitglied verleihen Sie unserer Arbeit gegenüber Institutionen und Behörden zusätzliches Gewicht. Bitte nehmen Sie bei Interesse an einer Mitgliedschaft Kontakt mit dem Vorstand auf.

Stellt der Verein sexuellen Missbrauch generell in Frage?

Nein. Sexueller Missbrauch ist ein schwerwiegendes Verbrechen, das False Memory Deutschland e.V. entschieden verurteilt. Der Verein befürwortet alle wirksamen Maßnahmen zu seiner Prävention und Bekämpfung. Die Anerkennung des False-Memory-Phänomens stellt reale Missbrauchserfahrungen nicht in Frage – sie dient dem Schutz aller Betroffenen: der Menschen mit falschen Erinnerungen ebenso wie der zu Unrecht Beschuldigten.

Wie wir sicherstellen, dass wir keine Täter beraten, beschreiben wir ausführlich im Abschnitt Beratung (Ankerlink setzen)→

Vertritt der Verein eine bestimmte politische oder weltanschauliche Position?

Nein. False Memory Deutschland e.V. arbeitet gemäß seinen Leitsätzen neutral und unabhängig – ohne politische, religiöse oder weltanschauliche Ausrichtung. 

Was bietet der Verein darüber hinaus an?

Neben der individuellen Beratung bieten wir:

  • Zweimal jährlich Workshops und mehrtägige Veranstaltungen für Mitglieder und Beratene – zum Austausch, zur Begegnung und mit Fachvorträgen aus Wissenschaft, Medizin, Therapie und Justiz.
  • Im Einzelfall die Vermittlung von Kontakten zu anderen Betroffenen

Beratung

Wer kann die Beratung von False Memory Deutschland e.V. in Anspruch nehmen?

Wir beraten:

  • Personen, die aufgrund falscher Erinnerungen zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs beschuldigt werden
  • Partnerinnen und Partner sowie weitere Familienangehörige der Beschuldigten
  • Geschwister der beschuldigenden Person, die sich in einem Loyalitätskonflikt befinden
  • Freundinnen und Freunde, die die Situation einschätzen wollen
  • Menschen, die selbst Zweifel an der Echtheit ihrer eigenen Erinnerungen entwickelt haben
  • Therapeutinnen und Therapeuten, die Erinnerungen ihrer Patientinnen und Patienten für fragwürdig halten

Wir beraten ausdrücklich keine Personen, bei denen wir nicht davon ausgehen können, dass es sich um einen Fall falscher Erinnerungen handelt.

Ist die Beratung kostenlos, vertraulich und anonym?

Ja, die Beratung ist kostenlos, vertraulich und unterliegt der Schweigepflicht. Eine anonyme Kontaktaufnahme ist möglich.

Muss ich Mitglied des Vereins werden um eine Beratung zu bekommen?
Nein. Die Beratung ist nicht von einer Mitgliedschaft im Verein False Memory Deutschland abhängig.
Was passiert mit meinen Daten?

Wenn Sie uns wegen einer Beratung kontaktieren, gelangen persönliche Daten – Name, Adresse, Alter, Familienstand und ähnliches – zu unserer Kenntnis. Darüber hinaus macht sich Ihr Berater oder Ihre Beraterin Notizen zum Inhalt der Gespräche. Diese Daten speichern wir elektronisch nur, wenn Sie uns das ausdrücklich gestatten. Damit entsprechen wir den Vorschriften der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Bitte lesen Sie dazu auch unsere Datenschutzerklärung.

Ihre Kontaktdaten verwenden wir ausschließlich dazu, Ihnen Einladungen zu unseren Veranstaltungen und Informationen zukommen zu lassen. Beratungsnotizen dienen dazu, eine spätere Fortsetzung der Beratung zu ermöglichen.

Zugang zu Ihren Daten haben ausschließlich Vorstandsmitglieder von False Memory Deutschland sowie Personen, die mit Ihrer Beratung betraut sind. Eine Weitergabe an Dritte ist grundsätzlich ausgeschlossen.

Sie können die von uns gespeicherten Daten jederzeit teilweise oder vollständig löschen lassen. Schicken Sie dazu bitte eine Mail an kontakt@false-memory.de und geben Sie an, welche Daten gelöscht werden sollen. Bitte beachten Sie: Wenn keine Beratungsnotizen gespeichert sind oder diese gelöscht wurden, ist eine Fortsetzung der Beratung nur eingeschränkt möglich. Wenn keine Kontaktdaten gespeichert sind, können wir Ihnen keine Einladungen und Informationen mehr zusenden.

 

Wie nimmt man Kontakt auf?

Kontakt ist per E-Mail oder durch direkten Telefonanruf während unserer Sprechzeiten (Montag von 17.00–19:30) möglich. Bei allgemeinen Informationsanfragen antworten wir schriftlich und bieten zusätzlich ein vertiefendes Telefongespräch an. Wer direkt um Hilfe bittet, erhält zeitnah einen Termin für ein ausführliches Beratungsgespräch.

Wie läuft eine Beratung durch den Verein ab?

Am Anfang steht ein ausführliches Telefongespräch, in dem wir uns den Fall schildern lassen und einen ersten Eindruck gewinnen. Wir fragen nach der familiären Situation, der Art der Beschuldigung, der Entstehung der Erinnerungen und vorhandenen Unterlagen wie Schriftwechsel oder Anzeigeprotokolle.

Wenn wir davon überzeugt sind, dass es sich um einen Fall falscher Erinnerungen handelt, folgen weitere persönliche oder telefonische Gespräche. Nach Möglichkeit beziehen wir weitere Familienmitglieder ein. Wir helfen dabei, die Situation zu verstehen, informieren über das Zustandekommen von Scheinerinnerungen und zeigen Handlungsmöglichkeiten auf.

Liegt bereits eine Anzeige vor oder wird ermittelt, begleiten wir die Betroffenen stützend durch diesen Prozess und empfehlen in jedem Fall, die Situation juristisch prüfen zu lassen. Wenn sinnvoll, empfehlen wir auch eine begleitende psychotherapeutische Unterstützung.

Welche Qualifikation haben die Beraterinnen und Berater von False Memory Deutschland e.V.?

Die Beratungstätigkeit wird ehrenamtlich und nebenberuflich geleistet. Unsere Beraterinnen und Berater verfügen über langjährige Erfahrung mit dem Thema falscher Erinnerungen – einige sind selbst betroffen oder haben sich aus beruflichem Kontext mit dem Phänomen befasst. Unsere Arbeit entspricht einer Spezialberatung; wir sind nicht therapeutisch tätig. Für therapeutische oder juristische Unterstützung vermitteln wir an entsprechende Fachleute.

Alle Beraterinnen und Berater arbeiten nach standardisierten, evidenzbasierten Kriterien, die Regeln aus der Aussagepsychologie berücksichtigen: Wann und unter welchen Umständen sind die Erinnerungen aufgetaucht? Waren suggestive Techniken beteiligt? Beziehen sich die Erinnerungen auf die ersten drei Lebensjahre? Sind die Vorwürfe konkret oder diffus? 

Seit Juni 2025 steht ein Wissenschaftlicher Beirat den Beratern des Vereins mit unabhängiger Expertise aus den Bereichen Gedächtnisforschung, Psychiatrie, Psychologie und Rechtswissenschaft zur Seite. Alle Mitglieder dieses Gremiums sind mit dem Thema False Memory bzw. Falschbeschuldigungen vertraut und verfügen über langjährige Erfahrung in Forschung oder klinischer Praxis, sind als Gutachter bei Gerichten tätig oder lehren an Universitäten 

Darüber hinaus laden wir zu unseren Begegnungstreffen regelmäßig Experten aus Forschung und Praxis zu Vorträgen und Gesprächen ein. Dadurch können wir neue wissenschaftliche Erkenntnisse fortlaufend in die Beratungsarbeit integrieren.

Wie stellt der Verein sicher, dass er keine Täter berät?

Das ist eine Frage, die wir uns selbst stellen. Zur Klärung gehen wir wie folgt vor:

Bevor wir eine Beratung aufnehmen, prüfen wir jeden Fall eingehend anhand von drei Informationsquellen:

Erstens lassen wir uns die Familiensituation ausführlich schildern – mündlich und wenn möglich schriftlich – und sichten alle verfügbaren Unterlagen. Nach Möglichkeit beziehen wir in die Beratung auch andere Familienmitglieder ein, um weitere Informationen zu erhalten.

Zweitens achten wir auf den persönlichen Eindruck: Zu Unrecht Beschuldigte reden offen und freimütig, sind tief betroffen und verzweifelt. Sie suchen nach Verständnis dafür, was mit ihrem Kind geschehen ist – nicht nach Entlastung für sich selbst. Dieser unmittelbare Eindruck lässt sich kaum verfälschen.

Drittens prüfen wir die Entstehung der Erinnerungen anhand aussagepsychologischer Kriterien: Wann und unter welchen Umständen sind die Erinnerungen aufgetaucht? Waren suggestive Techniken beteiligt? Beziehen sich die Erinnerungen auf die ersten drei Lebensjahre? Sind die Vorwürfe konkret oder diffus?

Wenn wir nicht hinreichend sicher davon ausgehen können, dass es sich um einen Fall falscher Erinnerungen handelt, lehnen wir eine Beratung ab. Personen, die sich als tatsächliche Täter zu erkennen geben, weisen wir strikt zurück. In unklaren Fällen beschränken wir uns auf den Verweis auf spezialisierte Anwälte.

Vermittelt der Verein auch Anwälte oder Gutachter?

Ja. Zum Netzwerk des Vereins gehören Psychologen, Juristen und Gutachter, die Erfahrung mit dem Thema falscher Missbrauchserinnerungen haben. Der Verein kann bei der Suche nach geeigneter rechtlicher und fachlicher Unterstützung helfen.

In welchen Fällen lehnt FMD eine Beratung ab?

Wenn wir nicht hinreichend sicher davon ausgehen können, dass es sich um einen Fall falscher Erinnerungen handelt, lehnen wir eine Beratung ab.

Personen, die sich als tatsächliche Täter zu erkennen geben, weisen wir strikt zurück.

In unklaren Fällen beschränken wir uns auf den Verweis auf spezialisierte Anwälte.

Für Beschuldigte

Ich wurde beschuldigt – was soll ich jetzt tun?

Zunächst: Reagieren Sie besonnen. Eine Beschuldigung wegen sexuellen Missbrauchs ist ein schwerer Schock – die Reaktion in den ersten Tagen kann den weiteren Verlauf jedoch erheblich beeinflussen. Sprechen Sie nicht unkontrolliert mit Dritten über die Situation. Nehmen Sie Kontakt zu uns auf – wir helfen Ihnen, die Situation einzuordnen, und unterstützen Sie bei der Suche nach geeigneter rechtlicher Beratung. 
-> "Merkblatt Recht"

Ich habe eine Anzeige erhalten – was sind meine ersten Schritte?

Wenn gegen Sie ermittelt wird, brauchen Sie anwaltliche Unterstützung durch jemanden, der mit dem Thema False Memory und Falschbeschuldigung vertraut ist. Machen Sie ohne anwaltlichen Beistand keine Aussagen gegenüber der Polizei oder Ermittlungsbehörden. Sammeln Sie alle Informationen und Dokumente, die Ihnen zur Verfügung stehen. Wir beraten Sie und können Ihnen bei der Suche nach einem geeigneten Anwalt helfen.

Kann False Memory Deutschland e.V. mir einen spezialisierten Anwalt empfehlen?

Wir verfügen über ein Netzwerk von Juristen, die Erfahrung mit dem Thema falscher Missbrauchserinnerungen haben, und können Ihnen bei der Suche nach geeigneter rechtlicher Unterstützung helfen.

Wie kann ich mich gegen eine Falschbeschuldigung wehren?

Das hängt von der konkreten Situation ab – ob es sich um eine strafrechtliche Anzeige handelt, um ein familienrechtliches Verfahren oder um eine soziale Beschuldigung im persönlichen Umfeld. In jedem Fall ist es wichtig, frühzeitig rechtliche Beratung in Anspruch zu nehmen und besonnen zu handeln. Wir helfen Ihnen, die Situation einzuordnen und die richtigen Schritte einzuleiten.

Wie stelle ich sicher, dass ich keinen Fehler mache, der mir später schadet?

Die wichtigsten Grundregeln: Machen Sie keine Aussagen ohne anwaltlichen Beistand. Versuchen Sie nicht, die beschuldigende Person direkt zu kontaktieren oder zu überzeugen. Dokumentieren Sie alles, was relevant sein könnte. Nehmen Sie frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch – rechtlich und wenn nötig auch psychologisch.

Für Menschen, die an ihren Erinnerungen zweifeln

Ich habe in der Therapie Erinnerungen entwickelt, die ich vorher nicht hatte – was bedeutet das?

Das bedeutet nicht zwingend, dass diese Erinnerungen falsch sind. Es bedeutet aber, dass Vorsicht geboten ist – besonders dann, wenn die Erinnerungen im Zusammenhang mit bestimmten therapeutischen Techniken aufgetaucht sind, wenn Sie vorher keinerlei Anhaltspunkte für das Erinnerte hatten, oder wenn Ihre Therapeutin oder Ihr Therapeut aktiv nach solchen Erinnerungen gesucht hat. Wenn Sie unsicher sind, sprechen Sie mit uns – vertraulich und kostenlos.

Wie kann ich herausfinden, ob meine Erinnerungen echt sind?

Das ist eine der schwierigsten Fragen überhaupt – und eine, die sich oft nicht mit Sicherheit beantworten lässt. Falsche Erinnerungen können sich genauso real anfühlen wie echte. Was Sie tun können: Sprechen Sie mit einer unabhängigen Fachperson – also nicht mit der Therapeutin oder dem Therapeuten, bei der oder dem die Erinnerungen entstanden sind. Hinterfragen Sie den Kontext, in dem die Erinnerungen aufgetaucht sind. Und sprechen Sie mit uns – wir helfen Ihnen, die Situation einzuordnen.

Woran erkenne ich, ob meine Therapie in eine problematische Richtung geht?
  • Ihre Therapeutin oder Ihr Therapeut stellt suggestive Fragen oder macht Vorschläge, was in Ihrer Vergangenheit geschehen sein könnte – ohne dass Sie selbst entsprechende Erinnerungen haben.
  • Er oder sie schließt von bestimmten Beschwerden, Symptomen oder sogar Körperhaltungen auf ein traumatisches Ereignis in Ihrer Vergangenheit.
  • Ihre Therapeutin oder Ihr Therapeut legt nahe, dass Ihre Probleme auf Missbrauch zurückgehen, an den Sie keine Erinnerung haben.
  • Es wird versucht, solche Erinnerungen aktiv „zurückzuholen“ – etwa durch Hypnose, Traumreisen oder wiederholtes Nachfragen.
  • Er oder sie fragt Sie nach Erinnerungen aus den ersten zwei bis drei Lebensjahren. Solche Erinnerungen sind aus neurobiologischen Gründen nicht zuverlässig abrufbar – seriöse Fachleute wissen das.
  • Er oder sie stellt überwiegend geschlossene Fragen, auf die Sie nur mit Ja oder Nein antworten können. Das schränkt Ihre eigene Erzählung ein und lenkt sie in eine bestimmte Richtung.
  • Zweifel an neu auftauchenden Erinnerungen werden als „Verdrängung“ oder „Widerstand“ abgetan.
  • Er oder sie lässt Ihre Zweifel generell nicht gelten oder deutet sie als Teil Ihrer Erkrankung.
  • Er oder sie gibt Ihnen Bücher zu lesen, in denen es um Traumaerinnerungen oder Missbrauchserfahrungen geht – bevor Sie selbst solche Erinnerungen hatten.
  • Sie werden ermutigt, Ihre Identität vor allem als Trauma-Überlebende oder Trauma-Überlebender zu verstehen.
  • Sie werden dazu gedrängt, Kontakte zu Familie oder Freunden abzubrechen.
Was könnte dafür sprechen, dass meine Erinnerung nicht echt ist?

Kein einzelnes Merkmal beweist für sich allein, dass eine Erinnerung falsch ist. Aber es gibt Hinweise, die Anlass zur Vorsicht geben:

Die Erinnerung war lange nicht vorhanden. Echte traumatische Erinnerungen bestehen in der Regel kontinuierlich vom Zeitpunkt des Vorfalls an – sie müssen nicht „hervorgeholt" oder „herausgearbeitet" werden. Wenn Erinnerungen an schweren Missbrauch erst im Erwachsenenalter, über die Pubertät hinaus, zum ersten Mal auftauchen, ist Vorsicht geboten.

Die Erinnerung betrifft die ersten drei Lebensjahre. Aus neurobiologischen Gründen sind zuverlässige autobiografische Erinnerungen aus dieser Zeit nicht möglich.

Die Erinnerung beruht auf sogenannten „Körpererinnerungen". Für die Vorstellung, dass sich traumatische Erlebnisse ohne bewusste Erinnerung allein im Körper speichern und von dort abrufbar sind, gibt es keine wissenschaftlichen Belege.

Bei der Entstehung waren suggestive Einflüsse beteiligt. Dazu zählen Hypnose, bestimmte Therapieformen, Drogen, Gruppendruck, Social Media oder bestimmte Ratgeberliteratur. Wenn Erinnerungen in solchen Kontexten entstanden sind oder durch aktive Bemühung in eine vorgegebene Richtung entwickelt wurden, ist besondere Vorsicht angebracht.

Konkrete Vorwürfe entstehen erst nach und nach. Echte Missbrauchsopfer wissen in der Regel jederzeit, was ihnen widerfahren ist und wann. Wenn sich ein Bild erst Schritt für Schritt zusammensetzt, kann das ein Hinweis auf einen Rekonstruktionsprozess sein.

Die Erinnerung betrifft unwahrscheinliche oder unmögliche Ereignisse – etwa Missbrauch im Rahmen satanischer Rituale, durch Außerirdische oder eine Abtreibung ohne jeden gynäkologischen Befund.


Wenn Sie sich in einem oder mehreren dieser Punkte wiedererkennen und unsicher sind, ob Ihre Erinnerungen der Wahrheit entsprechen, beraten wir Sie gern – vertraulich und kostenlos.

Was zeichnet eine seriöse Therapie aus?

Eine seriöse Therapie orientiert sich an Ihren eigenen Zielen und Beschwerden – nicht an einer vorgefassten Erklärung dafür, woher ihre Beschwerden oder Symptome stammen. Folgende Merkmale können Ihnen als Orientierung dienen:

Transparenz

Eine seriöse Therapeutin oder ein seriöser Therapeut erklärt Ihnen, welche Methoden eingesetzt werden, warum, und was die wissenschaftliche Grundlage dafür ist. Sie haben jederzeit das Recht zu fragen – und auf verständliche Antworten.

Respekt vor Ihrer Wahrnehmung

Ihre eigene Einschätzung Ihrer Situation, Ihrer Vergangenheit und Ihrer Erinnerungen wird ernst genommen. Zweifel werden nicht als Symptom oder Widerstand abgetan, sondern gemeinsam mit Ihnen reflektiert.

Keine suggestiven Techniken zur Erinnerungsgewinnung

Seriöse Therapeutinnen und Therapeuten versuchen nicht, Erinnerungen an Ereignisse „zurückzuholen“, an die Sie sich nicht erinnern. Die Wissenschaft zeigt klar: Solche Techniken können falsche Erinnerungen erzeugen, die sich für Betroffene absolut real anfühlen.

Stärkung Ihrer Autonomie

Eine gute Therapie macht Sie mit der Zeit unabhängiger – nicht abhängiger. Sie werden dabei unterstützt, Ihr Leben selbst zu gestalten und Beziehungen zu Ihren Angehörigen selbst zu bewerten. Eine Therapeutin oder ein Therapeut, der Ihnen nahelegt, den Kontakt zu Familie oder Freunden abzubrechen, überschreitet eine wichtige Grenze.

Kein Druck, eine bestimmte Identität anzunehmen

Ob und wie Sie sich selbst definieren – zum Beispiel als Trauma-Überlebende oder Trauma-Überlebender – ist Ihre Entscheidung. Eine seriöse Fachkraft drängt Sie nicht in eine bestimmte Selbstwahrnehmung.

Offenheit für eine zweite Meinung

Eine seriöse Therapeutin oder ein seriöser Therapeut hat kein Problem damit, wenn Sie eine zweite fachliche Meinung einholen möchten. Eine Fachperson, die das ablehnt oder Ihnen davon abrät, sollte Sie misstrauisch machen.

Was soll ich tun, wenn ich meiner Therapeutin oder meinem Therapeuten nicht mehr vertraue?

Sie haben jederzeit das Recht, eine Therapie zu beenden oder zu wechseln. Sie müssen das nicht begründen. Wenn Sie das Gefühl haben, dass in Ihrer Therapie etwas nicht stimmt, nehmen Sie Kontakt zu uns auf. Wir beraten Sie vertraulich darüber, welche Schritte sinnvoll sind.

Kann ich eine laufende Therapie abbrechen – und was passiert dann?

Ja, Sie können eine Therapie jederzeit abbrechen. Sie sind dazu nicht verpflichtet, Gründe anzugeben. Wenn Sie sich Sorgen machen, was ein Abbruch für Ihre psychische Gesundheit bedeutet, empfehlen wir, parallel eine unabhängige zweite Fachperson aufzusuchen, bevor Sie die laufende Therapie beenden. Wir beraten Sie gern dabei.

Mir wurden in einer Psychotherapie oder sonstigen Heilbehandlung falsche Missbrauchserinnerungen suggeriert. Was kann ich tun?

Falsche Erinnerungen durch Psychotherapie zählen grundsätzlich als Behandlungsfehler. Schadenersatz gegen die Behandler ist allerdings schwer durchzusetzen: Behandlungsfehler müssen bewiesen werden.

Sie können aber helfen zu verhindern, dass anderen das Gleiche widerfährt wie Ihnen. Wenden Sie sich zum Beispiel an:

  • die zuständigen Heilberufekammern (Psychotherapeutenkammer, Heilpraktiker-Fachverband).
  • Berufsverbände
  • die Kassenärztlichen Vereinigungen
  • an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK), der in Deutschland dafür zuständig ist, die Qualität von Therapien zu überprüfen.
  • an Ihre eigene Krankenversicherung, damit diese die entsprechende Klinik oder Praxis überprüft und kritisch im Blick behält.
  • bei strafrechtlich relevanten Vorwürfen: an die Staatsanwaltschaft
Mehr Informationen finden Sie in unserem "Merkblatt Therapie und falsche Erinnerung"

Was sind falsche Erinnerungen (False Memories)?

Was sind falsche Erinnerungen?

Erinnerungen sind falsch, wenn sie nicht auf tatsächlichen Erlebnissen beruhen. Unser Gedächtnis ist oft schlechter als gedacht, deshalb sind unsere Erinnerungen auch unzuverlässig. Eigene Vorstellungen, Erzählungen oder Behauptungen anderer können sie beeinflussen und verfälschen1. Das ist ein normaler, alltäglicher Vorgang.

Falsche Erinnerungen können zu großen Problemen führen, wenn andere Personen – bewusst oder unabsichtlich – beeinflussen, woran wir uns erinnern. Dass das geht, hat man 1995 in dem bekannten „Lost in the Mall-Experiment“ zum ersten Mal gezeigt. Die US-amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus und ihre Studentin Jacqueline Pickrell entwickelten es im Zusammenhang mit der damaligen Debatte um das False-Memory-Syndrom und falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch. Sie wollten damit zeigen, dass man erwachsenen Menschen falsche Kindheitserinnerungen „einpflanzen“ kann (in diesem Fall, dass sie als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen sind). Seither haben viele weitere Studien bestätigt, dass man erwachsenen Menschen innerhalb weniger Sitzungen Erinnerungen an Ereignisse suggerieren kann, die nie passiert sind: In einer Überblicksarbeit über acht Studien mit 423 Versuchspersonen haben etwa 30 Prozent der Versuchspersonen eine solche falsche Erinnerung entwickelt2. Ähnlich kann es in nicht fachgerechten bzw. ideologisch ausgerichteten Psychotherapien und in ähnlichen Kontexten3– aber auch unter dem Einfluss von Social Media - vorkommen, dass Menschen dazu angeregt oder gedrängt werden, sich an sexuellen Missbrauch zu erinnern, von dem sie bisher nichts wussten.

Eine solche falsche Missbrauchserinnerung ist nicht dasselbe wie eine Lüge. Der oder die Betroffene glaubt dieser „Erinnerung“, weil sie sich genauso real anfühlt wie eine Erinnerung an ein tatsächlich stattgefundenes Geschehen.

1) z.B. Lindner und Echterhoff 2015; Loftus 2005; Wade et al. 2025
2) Scoboria et al. 2017
3) z.B. Ceci und Loftus 1994

Die vollständigen Quellenangaben finden Sie hier
Wie entstehen falsche Erinnerungen?

Falsche Erinnerungen – auch False Memories oder Scheinerinnerungen genannt – entstehen durch die Funktionsweise der Speichermechanismen im Gehirn sowie durch Suggestion.

Erinnerungen sind nicht statisch gespeichert und jederzeit korrekt abrufbar wie von einem Datenspeicher. Vielmehr werden Erinnerungen rekonstruiert und können somit beeinflusst werden. Lücken werden gefüllt1, und dabei spielen das aktuelle Wissen2, der aktuelle Kontext3und die aktuelle Stimmung4 eine Rolle. Auch Urteils- und Entscheidungsprozesse sind mit dabei5. Das heißt, dass all diese Prozesse unsere Erinnerungen beeinflussen – und somit auch verfälschen können.

Im Gehirn gibt es keine Bereiche, in denen vergangene Erfahrungen exklusiv abgespeichert sind. Es ist eher so, dass beim Erinnern Hirnareale aktiviert werden, die auch für andere Aufgaben zuständig sind, zum Beispiel für das Vorstellen von Nicht-Erlebtem6. Wenn Personen sich etwas ständig vorstellen, kann das dazu führen, dass sie denken, sie hätten das auch erlebt7.

Zudem vergessen Menschen häufig, aus welchen Quellen sie welche Informationen haben. Dies kann dazu führen, dass sie beispielsweise Erzählungen in der Familie über bestimmte Ereignisse oder auch Fotos aus der Vergangenheit für eigene Erinnerungen halten8.

Viele der genannten Prozesse spielen bei der Entstehung falscher Erinnerungen eine Rolle. Besonders förderlich ist die direkte Suggestion. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder überzeugen sich Menschen selbst davon, dass sie etwas erlebt haben müssten, obwohl sie keine Erinnerungen daran haben (Autosuggestion). Oder Außenstehende legen jemandem nahe, dass ein bestimmtes Ereignis – z.B. eine traumatische Erfahrung – stattgefunden habe (Fremdsuggestion). 

Mehr zu den zahlreichen Laborstudien hierzu unter:„Lassen sich falsche Erinnerungen wieder löschen?“

1) z.B. Kleider et al. 2008
2) z.B. Roese und Vohs 2012
3) z.B. Smith und Vela 1991
4) z.B. Gaddy und Ingram 2014
5) z.B. Walther und Blank 2006
6) Andrews-Hanna et al. 2014
7) z.B. Garry et al. 1996; Lindner und Echterhoff 2015
8) z.B. Wade et al. 2002

Die vollständigen Quellenangaben finden Sie hier



Warum können falsche Erinnerungen gerade in Therapien entstehen?

Menschen, die sich in eine (Psycho-)Therapie begeben, sind oft besonders verletzlich. Sie stehen unter Leidensdruck und suchen nach einer Erklärung für ihre Probleme. Außerdem sitzen sie einer Fachkraft gegenüber, der sie Expertise und vielleicht auch Autorität zuschreiben. Legt nun diese Fachkraft beispielsweise nahe, die aktuellen Beschwerden resultierten aus einem verdrängten Trauma – etwa einem sexueller Missbrauch in der Kindheit – dann ist es deutlich wahrscheinlicher, dass Klientinnen und Klienten diese Deutung annehmen; zumal der Glaube an Verdrängung nicht nur in der allgemeinen Bevölkerung sondern auch unter Therapeutinnen und Therapeuten weit verbreitet ist1.

Versucht man dann, sich beispielsweise mit Hilfe von Vorstellungen oder Trauminterpretationen an das vermeintlich verdrängte Trauma „wieder zu erinnern“, besteht die akute Gefahr, dabei falsche Erinnerungen zu generieren2.  Im Kopf der Patientin oder des Patienten können auf diese Weise Bilder und letztendlich Geschichten erzeugt werden, die der oder dem Betroffenen plausibel erscheinen3.

Zudem kann ein „wiederentdecktes“ Kindheitstrauma als Erklärung für die aktuelle seelische Not diese auch noch verfestigen, indem es eine sehr vereinfachte und universelle Ursache bietet, die ausschließlich anderen die Schuld gibt und Aufmerksamkeit und Zuwendung von anderen mit sich bringen kann4.

1) Otgaar et al. 2019; Schemmel et al. 2024
2) Patihis und Pendergrast 2019; Scoboria et al. 2017
3) z.B. Ceci und Loftus 1994
4) Stoffels und Ernst 2002

Die vollständigen Quellenangaben finden Sie hier

Wie wirken sich falsche Erinnerungen aus?

Bei den Betroffenen können sie ähnlich heftige emotionale Reaktionen auslösen, wie Erinnerungen an ein echtes Trauma: Menschen mit falschen Erinnerungen an eine Entführung durch Aliens zeigen zum Beipsiel ähnliche körperliche Reaktionen wie Kriegsveteranen mit echten Traumata1.

Es gibt mehrere dokumentierte Fällen von Personen, die nach eigenen Angaben – oft in Beratung oder Therapie– eine falsche Erinnerung an sexuellen Missbrauch in der Kindheit entwickelt haben. Bei ihnen verschlechterte sich der Gesundheitszustand nach der „Entdeckung“ des früheren Traumas. Oft wurden sie arbeitsunfähig und immer abhängiger von ihrem Therapeuten oder ihrer Therapeutin. Gleichzeitig fühlten sich die Betroffenen zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten2. Diese Isolation rührt auch daher, dass Betroffene häufig Familienmitglieder als Täter(Innen) identifizieren, was zu einem Zerbrechen der Familienbeziehungen führt. Wie stark solche falschen Erinnerungen wirken, hängt auch davon ab, ob andere (z.B. Geschwister) den Anschuldigungen Glauben schenken oder nicht.

1) McNally und Clancy 2005
2) z.B. de Rivera 1997; Goldstein und Farmer 1993; Pendergrast 1995

Die vollständigen Quellenangaben finden Sie hier

Welche Folgen haben falsche Missbrauchserinnerungen für Angehörige?

Häufig identifizieren Betroffene falscher Missbrauchserinnerungen Angehörige als Täter. Wenn eine solche Pseudoerinnerung zu einer Falschbeschuldigung führt, hat dies gravierende Konsequenzen über die Betroffenen hinaus: Zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs Beschuldigte sind ebenfalls Opfer. Selbst wenn es nicht zu einer Strafanzeige kommen sollte, lastet der Vorwurf schwer auf ihnen, zerstört auch ihre Familienbeziehungen und führt häufig zu einem Reputationsverlust, wenn das Umfeld den Vorwürfen Glauben schenkt.

Erstatten Menschen mit falschen Erinnerungen an sexuellen Missbrauch darüber hinaus Anzeige gegen Familienangehörige oder andere nahestehende Personen, können die beruflichen und privaten Folgen für die falsch beschuldigte Person verheerend  sein – selbst wenn sich herausstellt, dass die Vorwürfe haltlos sind.

Es ist wichtig, einen Rechtsanwalt/Strafverteidiger hinzuzuziehen, der Erfahrung mit der False-Memory-Problematik hat.

-> zum Rechtlichen Merkblatt für Betroffene von Falschbeschuldigungen im Zusammenhang mit der False-Memory-Problematik

Lassen sich falsche Erinnerungen wieder löschen?

Eine Studie von Oeberst et al.(2021) konnte zeigen, dass falsche Erinnerungen wieder rückgängig machen lassen1. Dazu hatten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Versuchspersonen falsche Erinnerungen an angebliche Kindheitserlebnisse suggeriert, die plausibel erschienen, aber nie stattgefunden hatten.

Zu diesem Zweck bat das Forscherteam die Eltern der Probanden vorab, negative Kindheitserinnerungen ihrer Töchter und Söhne zu berichten und zusätzlich zwei Begebenheiten zu nennen, die plausibel erschienen, aber in Wirklichkeit nicht stattgefunden hatten.

In drei suggestiven Interviews wurde den Versuchspersonen zu zwei realen und zwei angeblichen Ereignissen in ihrer Kindheit eine Kurzbeschreibung vorgegeben (zum Beispiel: „Deine Eltern haben angegeben, dass du mit 12 Jahren im Italienurlaub verlorengegangen bist.“) und sie nach ihren Erinnerungen dazu befragt. Über die drei Interviews hinweg entwickelten bis zu 56% der Versuchspersonen eine falsche Erinnerung an ein erfundenes Erlebnis.

Im Anschluss vermittelten die Forscher den Probanden zwei Strategien, um falsche Erinnerungen zu entlarven: Erstens sollten sie sich genau überlegen, auf welchen Quellen ihre Erinnerungen basierten – handelte es sich wirklich um eigene Erlebnisse oder eher um Erzählungen von Familienangehörigen? Zweitens wurden die Studienteilnehmer über die grundsätzliche Möglichkeit falscher Erinnerungen aufgeklärt. Durch diese Interventionen nahm der Prozentsatz der Personen mit falschen Erinnerungen signifikant ab. Erinnerungen an tatsächlich erlebte Ereignisse verblassten durch diese Strategien hingegen nicht.

Abgesehen davon, dass trotz dieser Gegenmaßnahmen 15–23 Prozent der Versuchspersonen weiterhin falsche Erinnerungen aufwiesen, belegt diese Studie keineswegs eine Löschung falscher Erinnerungen. Die Versuchspersonen hatten durchaus weiterhin dieselben Bilder im Kopf – nur stuften sie diese nun als falsch ein. Ob falsche Erinnerungen auch in der Praxis rückgängig gemacht werden können, bewerten die Autoren und Autorinnen selbst kritisch: nach deutlich längeren Suggestionsphasen beispielsweise wäre zu erwarten, dass derart kurze Interventionen nicht ausreichend wären.

1) vgl. Wachendörfer et al. 2025, für eine Replikation
2) vgl. auch Li et al. 2023

Die vollständigen Quellenangaben finden Sie hier

Quellen

Quellen

  • Andrews-Hanna JR et al. Contributions of episodic retrieval and mentalizing to autobiographical thought: Evidence from functional neuroimaging, resting-state connectivity, and fMRI meta-anlaysis. NeuroImage 2014; 91(1): 324-335
  • Ceci SJ, Loftus EF. „Memory Work“: A royal road to false memories? Applied Cognitive Psychology 1994; 8(4): 351-364
  • Crombag FM, Merckelbach HLG. Missbrauch vergisst man nicht. Erinnern und Verdrängen – Fehldiagnosen und Fehlurteile. Verlag Gesundheit, Berlin 1997
  • de Rivera J. The construction of false memory syndrome: The experience of retractors. Psychological Inquiry 1997; 8(4): 271-292
  • Gaddy MA, Ingram RE. A meta-analytic review of mood-congruent implicit memory in depressed mood; Clinical Psychological Review 2014; 35: 402-416
  • Garry M et al. Imagination inflation: Imagining a childhood event inflates confidence that it occurred. Psychonomic Bulletin & Review 1996; 3(2): 208-214
  • Goldstein EC, Farmer K. True stories of false memories. Social Issues Resources Series 1993
  • Hayne H, Jack F. Childhood amnesia. WIREs Cognitive Science 2011; 2: 136-145
  • Holmes EA, Bourne C. Inducing and modulating intrusive emotional memories: A review of the trauma film paradigm. Acta Psychologica 2008; 127: 553-566
  • Kessler RC et al. Trauma and PTSD in the WHO World Mental Health Surveys. European Journal of Psychotraumatology 2017; 8(Supp. 5)
  • Kleider HM et al. Schema-driven source misattribution errors: remembering the expected from a witnessed event. Applied Cogitive Psychology 2008; 22: 1-20
  • Li C et al. Investigating the memory reports of retractors regarding abuse. The European Journal of Psychology Applied to Legal Context 2023; 15(2): 63-71
  • Lindner I, Echterhoff G. Imagination inflation in the mirror: Can imagining others’ actions induce false memories of self-performance? Acta Psychologica 2015; 158: 51-60
  • Loftus EF. Planting misinformation in the human mind. A 30-year investigation of the malleability of memory. Learning & Memory 2005; 12(4): 361-366
  • Loftus EF, Pickrell JE. The formation of false memories. Psychiatric Annals 1995; 25(2): 720-725
  • Loftus EF, Davis D. Recovered memories. Annual Review of Clinical Psychology 2006; 2(1): 469-498
  • McNally RJ, Clancy SA. Sleep Paralysis, Sexual Abuse, and Space Alien Abduction. Transcultural Psychiatry 2005; 42(1): 113-122
  • Mokros A et al. Rituelle sexuelle Gewalt: eine kritische Auseinandersetzung mit fragwürdigen empirischen Belegen für ein fragliches Phänomen. Psychologische Rundschau 2024; 75(3): 216-228
  • Oeberst A et al. Rich false memories of autobiographical events can be reversed. PNAS 2021; Vol. 118 No. 13 e2026447118
  • Oeberst A. Juristisch relevante Charakteristika des autobiographischen Gedächtnisses. In: Die Erhebung und Bewertung von Zeugenaussagen im Strafprozess, Band 7 (S. 25-54); Herausgeber: Reckers R, Köhnken G und Lederer J. Berliner Wissenschaftsverlag 2024
  • Oeberst A. Zur Belastbarkeit und Suggerierbarkeit von Erinnerungen. Eine wissenschaftliche Anregung für psychotherapeutische Berufe. Springer 2026
  • Ost J. Adults’ retractions of childhood sexual abuse allegations. High-stakes and the (in)validation of recollection. Memory 2017; 25(7): 900-909
  • Otgaar H et al. The return of the repressed: The persistent and problematic claims of long-forgotten trauma. Perspectives on Psychological Science 2019; 14:1072-1095
  • Patihis L, Pendergrast MH. Reports of recovered memories of abuse in therapy in a large age-representative U.S. National sample: Therapy type and decade comparisons. Clinical Psychological Science 2019; 7(1): 3-21
  • Pendergrast M. Victims of memory: Incest accusations and shattered lives. Herausgeber: Upper Access Book Pub 1995
  • Roese NJ, Vohs KD. Hindsight bias. Perspectives on Psychological Science 2012; 7(5): 411-426
  • Schemmel J et al. Recovered Memories in psychotherapy: a survey of practicing psychotherapists in Germany. Memory 2024; 32(2): 176-196 
  • Scoboria A et al. A mega-analysis of memory reports from eight peer-reviewed false memory implantation studies. Memory 2017; 25(2): 146-163
  • Smith SM, Vela E. Environmental context-dependent memory: A review and meta-analysis. Psychonomic Bulletin & Review 2001; 8(2): 203-220
  • Sommer T, Gamer M. Einfluss traumatischer Erinnerungen auf das Gedächtnis. Praxis der Rechtspsychologie 2018; 28(1): 97-120
  • Stoffels H, Ernst C. Erinnerungen und Pseudoerinnerungen: Über die Sehnsucht, Traumaopfer zu sein. Nervenarzt 2002; 73: 445-451
  • Volbert R. Beurteilungen von Aussagen über Traumata: Erinnerungen und psychologische Bewertung. Huber, Bern 2004
  • Wachendörfer MM et al. Can Rich False Memories of Autobiographical Events Be Reversed Again? An Extended Replication of Oeberst et al. (2021). Applied Cognitive Psychology 2025; 39:e70124
  • Wade KA et al. A picture is worth a thousand lies: using false photographs to create false childhood memories. Psychonomic Bulletin & Review 2002; 9(3): 597-603
  • Wade KA et al. Still Lost in the Mall – False Memories Happen and That’s What Matters. Applied Cognitive Psychology 2025
  • Walther E, Blank H. Entscheidungsprozesse im Falschinformationsparadigma. Psychologische Rundschau 2006; 55:72-81

Weitere Literatur zum Thema

Wie funktioniert unser Gedächtnis?

Können wir uns an Ereignisse aus unserer frühesten Kindheit erinnern?

Kurz gesagt: Nein.

Für das Abspeichen von Ereignissen unseres Lebens ist das autobiographische Gedächtnis zuständig. Damit es funktionieren kann, sind im Gehirn verschiedene physiologische Voraussetzungen nötig, die sich erst innerhalb der ersten zwei Lebensjahre entwickeln. Deshalb können wir uns an unsere früheste Kindheit nicht erinnern. Experten nennen dies „infantile Amnesie“. 

Diese lässt sich in zwei Phasen unterteilen1: Ereignisse aus unseren ersten beiden Lebensjahren können wir biologisch bedingt in der Regel überhaupt nicht aus unserem eigenen Gedächtnis abrufen („absolute infantile Amnesie“). Erst ab dem dritten Lebensjahr werden erste Erinnerungen dauerhaft abgespeichert und sind somit später auch wieder abrufbar. Die frühesten eigenen Erinnerungen fallen typischerweise in den Zeitraum des 3.-6. Lebensjahres („relative infantile Amnesie"). 

  1. Hayne und Jack 2011
Woran erinnern wir uns besonders gut und woran eher nicht?

Das menschliche Gedächtnis ist äußerst selektiv: An die meisten Inhalte unseres Lebens erinnern wir uns nicht dauerhaft. Insbesondere belanglose, neutrale Reize und Erfahrungen – beispielsweise die vielen Mittagessen unseres Lebens – lassen sich meist nicht langfristig abrufen. Hingegen erinnern wir uns in der Regel besonders gut an herausragende Ereignisse wie unsere Abitursfeier oder eine schwerwiegende Operation, die wir überstanden haben – also an besondere, emotionale oder auch überlebenswichtige Ereignisse, die uns selbst betreffen

Was bedeutet das für die Erinnerung – oder Nicht-Erinnerung – von traumatischen Ereignissen?

Stress – bzw. Bedrohung, die mit traumatischen Ereignissen verbunden ist – bewirkt nicht generell eine Gedächtnisbeeinträchtigung: Vielmehr fördert Stress die Abspeicherung zentraler Inhalten sogar, lediglich der Erinnerungsabruf kann durch Stress beeinträchtigt werden1.

Hingegen sind traumatische Ereignisse außergewöhnnlich, betreffen einen selbst stark und sind hoch emotional. Sie kombinieren also alle Eigenschaften, die (außer während der Phase der infantilen Amnesie) nach gedächtnispsychologischen Erkenntnissen besonders gut abgespeichert werden sollten. Crombag und Merckelbach (1997) brachten diese Erkenntnis in dem Titel ihres Buches „Missbrauch vergisst man nicht“ auf den Punkt.

Gestützt wird sie zudem durch die Tatsache, dass es keine überzeugenden Belege für die Verdrängung von traumatischen Erinnerungen gibt (siehe auch FAQ „Neigen wir dazu, traumatische Ereignisse ins Unterbewusste zu verdrängen“?). Dagegen ist das gegenteilige Phänomen, nämlich traumatische Erlebnisse nicht vergessen zu können, vielfach belegt, ebenso wie die Möglichkeit, falsche Erinnerungen zu suggerieren2 (siehe auch FAQ „Wie entstehen falsche Erinnerungen?“).

  1. Sommer und Gamer 2018
  2. Oeberst 2024
Neigen wir dazu, traumatische Ereignisse ins Unbewusste zu verdrängen?

Der Glaube an die Verdrängung traumatischer Erinnerungen ist weit verbreitet – sowohl in der Allgemeinbevölkerung1 als auch unter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten2. Überzeugende wissenschaftliche Belege dafür gibt es allerdings nicht3.

Die gedächtnispsychologische Forschung zeigt vielmehr, dass wir emotionale, ungewöhnliche und uns selbst betreffende Ereignisse außerhalb der frühkindlichen Amnesie besonders gut erinnern. Traumatische Ereignisse sollten demnach im Kerngeschehen eher besonders gut im Gedächtnis abgespeichert werden und später auch wieder abrufbar sein4. Personen, die ein Trauma erlebt haben und daraufhin beispielsweise eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt haben, leiden vielmehr unter dem Problem, nicht vergessen zu können5.

Wissenschaftlich deutlich besser belegt ist hingegen, dass Menschen negative Ereignisse suggeriert werden können, wodurch sie falsche autobiographische Erinnerungen entwickeln. Hierzu gibt es einerseits kontrollierte Laborstudien6, in denen aus ethischen Gründen jedoch keine traumatischen Ereignisse suggeriert werden können. Andererseits stützt eine Vielzahl von Berichten aus der Praxis die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf traumatische Erinnerungen: Dazu gehören Menschen, die von der Suggestion falscher Erinnerungen – häufig im Therapiekontext – berichten, sogenannte Retractor-Berichte7.

Zudem spricht vieles dafür, dass sich auch die Berichte von selbstdefinierten Betroffenen ritueller sexueller Gewalt mit Mind-Control durch falsche Erinnerungen erklären lassen – nicht zuletzt fehlt jeglicher objektiver forensischer Beweis für die behaupteten jahrzehntelangen vielfältigen schweren Straftaten. Auch widersprechen diese Berichte gedächtnispsychologischen Prinzipien wie der infantilen Amnesie8.

  1. Otgaar et al. 2019
  2. Schemmel et al. 2024
  3. Loftus und Davis 2006; für einen Überblick: Oeberst 2026
  4. Volbert 2004
  5. Holmes und Bourne, 2008; Kessler et al. 2017
  6. Scoboria et al. 2017
  7. z.B. de Rivera 1997; Goldstein und Farmer 1993; Li et al. 2023; Ost 2017; Pendergrast 1995
  8. Mokros et al. 2024; für einen Überblick: Oeberst 2026

Patientensicherheit in Psychotherapien und alternativen Behandlungen

Welche Grundsätze gelten für eine gute Therapie?

Eine Psychotherapie erfordert eine enge und persönliche Zusammenarbeit. Daher ist es wichtig, dass Therapeutinnen und Therapeuten die Würde ihrer Patientinnen und Patienten achten und bestimmte Grundsätze einhalten. Dazu zählen u.a.:

  • Zu Beginn der Behandlung sollte offen über Art, Inhalt, Ziele, Dauer, Kosten und mögliche Nebenwirkungen der Therapie gesprochen werden (umfassende Aufklärung).
  • Es sollten konkrete und realistische Therapieziele vereinbart werden. Vereinbarte Ziele müssen regelmäßg überprüft werden.
  • Die Ursachen der psychischen Belastung sollten identifiziert, Lösungen gemeinsam erarbeitet und vorhandene Ressourcen genutzt werden.
  • Die Gespräche sollten auf Augenhöhe stattfinden.
  • Die Therapeutin oder der Therapeut sollte zugewandt, aufmerksam, interessiert und verständnisvoll sein und gleichzeitig eine professionelle Distanz einhalten.
  • Das Selbstvertrauen der Patientin oder des Patienten sollte gestärkt werden.
  • Kritik der Patientin oder des Patienten ist ernst zu nehmen.
  • Eine Konfrontation der Patientin oder des Patienten mit schwierigen/unangenehmen Themen sollte wertschätzend erfolgen.

Entsprechende Leitlinien finden Sie beispielsweise auf der Startseite des ethikverein e.V. – Ethik in der Psychotherapie

Verhaltensweisen sind in einer Therapie inakzeptabel?

In einer psychotherapeutischen Beziehung besteht eine Asymmetrie der Macht, manche Patientinnen und Patienten entwickeln sogar eine gewisse Abhängigkeit. Dies darf die Therapeutin oder der Therapeut nicht missbrauchen. Grenzüberschreitungen seitens des Therapierenden sind nicht zulässig.

  • Therapeutinnen und Therapeuten sollen mit ihren Patientinnen und Patienten keine privaten, beruflichen oder finanziellen Abhängigkeiten eingehen.
  • Sexuelle Beziehungen im Rahmen einer Therapie sind tabu. Ebenso sexuelle Belästigung, Flirten und (intime) Berührungen.
  • Die Schweigepflicht darf nicht verletzt werden.
  • Therapierende sollen private Kontakte mit ihren Patientinnen und Patienten außerhalb des Therapierahmens meiden, nicht um Gefälligkeiten (Beratung, Büroarbeit etc.) bitten und keine großen Geschenke annehmen.
  • Abwertende Bemerkungen gegenüber Patientinnen und Patienten sind ebenso wie verbale und körperliche Aggressionen unethisch bzw. strafbar.
  • Therapierende sollten nicht mit Angst einflößenden Methoden arbeiten („wenn Sie sich nicht an XY halten, wird etwas Schlimmes passieren“), ihre Patientinnen und Patienten nicht entmündigen („ich weiß, was das Beste für Sie ist“) und nicht dazu drängen, den Kontakt zu Familie und Freunden abzubrechen.
Kann eine Psychotherapie zu Nebenwirkungen führen?

Ja, auch bei professionell durchgeführten Psychotherapien gibt es (wie bei anderen Behandlungen auch) nicht selten unerwünschte Wirkungen. Das kann am Therapiekonzept, am Therapierenden oder an der Patientin/dem Patienten liegen. Hier einige Beispiele für Psychotherapie-Nebenwirkungen:

  • (Vorübergehende) Symptomverschlechterung oder -ausweitung.
  • Konflikte mit dem persönlichen Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitsplatz), wenn Menschen in der Psychotherapie lernen, sich z.B. abzugrenzen und „Nein“ zu sagen.
  • Therapieabhängigkeit: Manche Patientinnen/Patienten entwickeln im Verlauf einer längeren Therapie das Gefühl, ihre Probleme nur noch mit therapeutischer Unterstützung lösen zu können. Dies untergräbt die Selbstwirksamkeit.
  • Entstehung von falschen Erinnerungen, insbesondere, wenn in der Therapie suggestive Methoden eingesetzt werden.

Bei unerwünschten Effekten oder psychotherapeutischen Misserfolgen sollte man der Therapeutin/dem Therapeuten offen und zeitnah Rückmeldung geben.

Allerdings muss man sich als Patientin/Patient auch klar machen, dass sich unerwünschte Wirkungen nicht immer vermeiden lassen: Veränderung kann (zeitweise) unangenehm, belastend und schmerzhaft sein.

Warum können gerade im Rahmen einer Therapie falsche Erinnerungen entstehen?

Menschen, die sich in eine (Psycho-)Therapie begeben, sind oft besonders verletzlich. Sie stehen unter Leidensdruck und suchen nach einer Erklärung für ihre Probleme. Außerdem sitzen sie einer Fachkraft gegenüber, der sie Expertise und vielleicht auch Autorität zuschreiben. Legt nun diese Fachkraft beispielsweise nahe, die aktuellen Beschwerden resultierten aus einem verdrängten Trauma – etwa einem sexueller Missbrauch in der Kindheit – dann ist es deutlich wahrscheinlicher, dass Klientinnen und Klienten diese Deutung annehmen; zumal der Glaube an Verdrängung nicht nur in der allgemeinen Bevölkerung sondern auch unter Therapeutinnen und Therapeuten weit verbreitet ist1.

Versucht man dann, sich beispielsweise mit Hilfe von Vorstellungen oder Trauminterpretationen an das vermeintlich verdrängte Trauma „wieder zu erinnern“, besteht die akute Gefahr, dabei falsche Erinnerungen zu generieren2.  Im Kopf der Patientin oder des Patienten können auf diese Weise Bilder und letztendlich Geschichten erzeugt werden, die der oder dem Betroffenen plausibel erscheinen3.

Zudem kann ein „wiederentdecktes“ Kindheitstrauma als Erklärung für die aktuelle seelische Not diese auch noch verfestigen, indem es eine sehr vereinfachte und universelle Ursache bietet, die ausschließlich anderen die Schuld gibt und Aufmerksamkeit und Zuwendung von anderen mit sich bringen kann4.

1) Otgaar et al. 2019; Schemmel et al. 2024
2) Patihis und Pendergrast 2019; Scoboria et al. 2017
3) z.B. Ceci und Loftus 1994
4) Stoffels und Ernst 2002

Wie kann das Risiko für die Entstehung falscher Erinnerungen in Psychotherapien etc. möglichst gering gehalten werden?

Therapeutinnen und Therapeuten sollten gut darüber informiert sein, dass im Rahmen einer Psychotherapie falsche Erinnerungen (Scheinerinnerungen, Pseudoerinnerungen, False Memories) entstehen bzw. induziert werden können. (Auch Heilpraktiker, Life Coaches, spirituelle Lebensberaterinnen und andere Berufsgruppen, die mit vulnerablen oder psychisch instabilen Menschen arbeiten, sollten gut über die False-Memory-Problematik Bescheid wissen.)

Um falsche Erinnerungen möglichst zu verhindern, sollten Therapeutinnen und Therapeuten

  • niemals suggestive Fragen stellen oder Vorschläge machen, was in der Vergangenheit geschehen sein könnte.
  • offene Fragen stellen und geschlossene Fragen (auf die man nur mit Ja oder Nein antworten kann) vermeiden.
  • nicht von Symptomen oder bestimmten Körperempfindungen auf ein traumatisches Ereignis schließen.
  • wissen, dass Erinnerungen nicht mit einer objektiven Darstellung der Realität gleichzusetzen sind.
  • wissen, dass ausgeprägte Emotionen beim Erinnern nicht bedeuten, dass das Ereignis tatsächlich stattgefunden hat.
  • nicht nach traumatischen Erinnerungen suchen, wenn Patientinnen und Patienten nichts von sich aus berichten bzw. Fragen zu Kindheitstraumata verneinen.
Wie lassen sich wahre und falsche Erinnerungen voneinander unterscheiden?

Aus aussagepsychologischer Sicht können folgende Punkte auf falsche Erinnerungen hinweisen:

  • Vor Beginn der Therapie bzw. des Coachings etc. hatte die oder der Betroffene keine Gedanken an einen erlebten Missbrauch und auch ihrem/seinem Umfeld gegenüber nichts Entsprechendes geäußert.
  • Die Erinnerung entstand, weil sich die Person immer wieder darum bemühte, sich an Ereignisse zu erinnern, beispielsweise im Rahmen einer Psychotherapie.
  • Die Erinnerung wurde im Zeitverlauf immer klarer, es wurden immer mehr Details erinnert („Erinnerungsausweitung“).
  • Die Person berichtet über Ereignisse aus ihren ersten beiden Lebensjahren.

Die Gedächtnisforscherin Prof. Aileen Oeberst weist allerdings darauf hin, dass aktuell keine Merkmale bekannt sind, mit deren Hilfe man absolut sicher zwischen wahren und falschen Erinnerungen unterscheiden könne. Am ehesten gibt wohl der Entstehungsprozess einen Hinweis: wahre Erinnerungen lassen sich nach dem Erlebnis aus dem Gedächtnis abrufen. Falsche Erinnerungen müssen sich erst entwickeln, und meist geht ihnen ein suggestiver Einfluss voraus – wie in diesem eindrücklichen Erfahrungsbericht beschrieben.

Was ist bei „Lebenshilfeangeboten“ zu bedenken?

Problematisch ist es vor allem im Hinblick auf die Patienten- bzw. Klientensicherheit, wenn sich Menschen in psychisch schwierigen Situationen oder Lebenskrisen an Heilpraktiker oder Anbieter pseudotherapeutischer „Lebenshilfeangebote" wenden – etwa an Life Coaches, Heilerinnen, Schamanen, spirituelle Lebensberaterinnen oder Influencer. Diese Anbieter durchlaufen keine staatlich geregelte Ausbildung, und es fehlen einheitliche fachliche wie berufsrechtliche Standards. Ohne solche Standards lassen sich Verstöße dagegen gar nicht erst benennen. Nach den Erfahrungen unserer Beratungsarbeit spielen genau solche, sehr unterschiedlichen Lebenshilfeangebote bei der Entstehung falscher Erinnerungen eine zunehmend wichtige Rolle.

Wichtige Begriffe rund um die False-Memory-Problematik

Was ist eine DIS oder pDIS und welche Bedeutung hat die Diagnose im Zusammenhang mit der False-Memory-Problematik?

ENTWURF
Was ist eine Dissoziative Identitätsstörung (DIS)?

Als Dissoziative Identitätsstörung (DIS) bezeichnet man eine psychiatrische Erkrankung, bei der eine Person zwei oder mehr unterschiedliche Identitäten oder Persönlichkeitsanteile aufweist, die jeweils eigene Erinnerungen, Verhaltensweisen und Gedankenmuster haben können. Diese Anteile können abwechselnd die Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen.

Im neuesten internationalen Diagnosemanual ICD-11 wird zusätzlich die sogenannte partielle DIS (pDIS) aufgeführt. Bei dieser Variante übernimmt zumeist ein Persönlichkeitsanteil die überwiegende Kontrolle; vollständige Persönlichkeitswechsel und Amnesien sind seltener. Da die pDIS erst mit dem ICD-11 eingeführt wurde, ist die Forschungslage noch dünn – Aussagen zu Häufigkeit und Verlauf sollten entsprechend vorsichtig eingeordnet werden.

Beide Diagnosen sind in der Fachwelt umstritten.


Wie entsteht eine DIS – und was ist daran umstritten?

In der Forschung konkurrieren zwei grundlegend verschiedene Erklärungsmodelle:

Das Traumamodell geht davon aus, dass schwere Kindheitstraumata – etwa Missbrauch oder Vernachlässigung – dazu führen, dass sich die Persönlichkeit in verschiedene Anteile aufspaltet, um das Erlebte auszuhalten. Einzelne Anteile tragen dann traumatische Erinnerungen, während andere davon nichts wissen.

Das soziokognitive Modell hingegen erklärt DIS-Symptome nicht primär durch tatsächliche Traumata, sondern durch soziale und kulturelle Einflüsse: Erwartungen von Therapeutinnen und Therapeuten, Rollenmuster aus Medien und sozialen Netzwerken sowie suggestive Therapiepraktiken können demnach dazu beitragen, dass Personen entsprechende Symptome entwickeln – ohne dass ein reales Trauma zugrunde liegen muss.

Die Forschung hat bisher keinen Konsens darüber erreicht, welches Modell die Entstehung der DIS besser erklärt. Für die False-Memory-Problematik ist dieses Spannungsfeld zentral.


Welche Rolle spielt Social Media?

DIS ist eine seltene Erkrankung – nach bisherigen Schätzungen sind weniger als 1 % der Allgemeinbevölkerung betroffen. Auf Plattformen wie TikTok wird das Thema jedoch überproportional häufig thematisiert. Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Teil dieser Inhalte Mythen und Fehldarstellungen verbreitet und zu ungenauen Selbstdiagnosen einlädt. Gleichzeitig weisen manche Fachleute darauf hin, dass Online-Communities auch echten Betroffenen Austausch und Unterstützung bieten können. Der Einfluss sozialer Medien auf die Verbreitung und möglicherweise auch auf die Entstehung von DIS-Symptomen ist Gegenstand aktueller Forschung.


Welche Bedeutung hat die DIS-Diagnose im Zusammenhang mit der False-Memory-Problematik?

Für Menschen, die von Falschbeschuldigungen betroffen sind, ist die DIS-Diagnose aus mehreren Gründen relevant:

Die Diagnose kann im Kontext suggestiver Therapien entstehen. Wenn Therapeutinnen und Therapeuten aktiv nach Persönlichkeitsanteilen suchen, diese benennen und mit ihnen kommunizieren, besteht die Gefahr, dass entsprechende Symptome erst durch die Therapie erzeugt werden. Mehrere Studien belegen, dass suggestive Techniken – etwa Hypnose, geleitete Imagination oder wiederholtes Befragen – zur Entstehung falscher Erinnerungen beitragen können.

Die Diagnose kann Falschbeschuldigungen plausibilisieren. Wenn eine Person glaubt, verschiedene Persönlichkeitsanteile zu haben, die unterschiedliche Erinnerungen tragen, können auch Missbrauchsvorwürfe entstehen oder sich festigen, die auf suggestiv erzeugten Erinnerungen beruhen. Die Überzeugung, ein bestimmter Persönlichkeitsanteil erinnere sich an Missbrauch, während ein anderer davon nichts weiß, ist aus aussagepsychologischer Sicht ein deutliches Warnsignal.

Die diagnostische Abgrenzung ist anspruchsvoll. DIS-Symptome überlappen mit anderen Störungen wie PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung und Psychosen. Fehldiagnosen sind in beide Richtungen möglich – sowohl eine Überdiagnose als auch das Übersehen tatsächlicher Symptome.

Was sollten Betroffene von Falschbeschuldigungen wissen?

Eine DIS-Diagnose bei der beschuldigenden Person bedeutet nicht automatisch, dass die Beschuldigung falsch ist. Sie ist jedoch ein Faktor, der im Rahmen einer aussagepsychologischen Begutachtung sorgfältig geprüft werden sollte – insbesondere dann, wenn die Diagnose im Verlauf einer Therapie gestellt wurde und zeitlich mit dem Auftauchen von Missbrauchsvorwürfen zusammenfällt.

Wenn Sie von einer Falschbeschuldigung betroffen sind und die beschuldigende Person eine DIS-Diagnose hat oder erhält, empfehlen wir, frühzeitig rechtliche und fachkundige Beratung in Anspruch zu nehmen. Wir beraten Sie gern – vertraulich und kostenlos.


Quellen

  • Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Lanius, R. (2019). Dissociation and its disorders: Competing models, future directions, and a way forward.
  • Lynn, S. J. et al. (2022). Dissociation and Dissociative Disorders Reconsidered: Beyond Sociocognitive and Trauma Models Toward a Transtheoretical Framework. Annual Review of Clinical Psychology.
  • American Psychiatric Association (2023). New Study Evaluates Quality of Information on YouTube, TikTok About Dissociative Identity Disorder.
  • ScienceDirect (2023). YouTube and TikTok as a source of medical information on dissociative identity disorder.
  • MindSite News (2024). TikTok's Fixation on Dissociative Identity Disorder.
  • Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-11 Browser, Codes 6B64 und 6B65.

Quellen (Auswahl)
  1. Brand, B. L., Loewenstein, R. J., & Lanius, R. (2019). Dissociation and its disorders: Competing models, future directions, and a way forward. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0272735819300376
  2. Lynn, S. J., et al. (2022). Dissociation and Dissociative Disorders Reconsidered: Beyond Sociocognitive and Trauma Models Toward a Transtheoretical Framework. Annual Review of Clinical Psychology. https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-clinpsy-081219-102424
  3. American Psychiatric Association (2023). New Study Evaluates Quality of Information on YouTube, TikTok About Dissociative Identity Disorder. psychiatry.org. https://www.psychiatry.org/news-room/news-releases/new-study-information-on-youtube-tiktok-on-did
  4. ScienceDirect (2023). YouTube and TikTok as a source of medical information on dissociative identity disorder. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2666915323002445
  5. MindSite News (2024). TikTok's Fixation on Dissociative Identity Disorder. https://mindsitenews.org/2024/10/24/tiktoks-fixation-on-dissociative-identity-disorder-chronicle-of-a-trauma-foretold/
  6. Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-11 Browser, Codes 6B64 und 6B65. https://icd.who.int/browse11/l-m/en