False Memory
Deutschland e.V.

Merkblatt Therapie und Erinnerung

False Memory Deutschland e.V. – Informationen auf wissenschaftlicher Grundlage

Teil 1: Für Menschen, die an ihren Erinnerungen zweifeln
Teil 2: Für Menschen, denen falsche Erinnerungen suggeriert wurden

Teil 1: Ich habe Zweifel an der Echtheit meiner Missbrauchserinnerungen. Worauf sollte ich achten?

Zweifel an in der Therapie entstandenen Erinnerungen sind kein Zeichen von Schwäche. Nehmen Sie Ihre Zweifel ernst. Sie könnten der erste Schritt zur Klärung sein.

Woran erkenne ich, ob meine Therapie unseriös ist?

Folgende Warnsignale deuten auf eine unseriöse oder gefährliche Therapie hin:

  • Sie werden gedrängt, sich an traumatische Ereignisse in Ihrer Kindheit zu erinnern, von denen Sie bisher nichts wussten – insbesondere an sexuellen Missbrauch.
  • Ihre Zweifel werden unterdrückt, kritisiert oder als "täterloyales Verhalten" gedeutet.
  • Sie werden aufgefordert, sich intensiv und bildhaft vorzustellen, was noch passiert sein könnte.
  • In Ihrer Erinnerung tauchen immer neue, noch schlimmere Bilder oder angebliche Erlebnisse aus den ersten zwei bis drei Lebensjahren auf. 
  • Ihr Therapeut oder Ihre Therapeutin gibt Ihnen Bücher über rituellen Missbrauch, Täternetzwerke oder multiple Persönlichkeiten zu lesen.

Wenn Sie eines oder mehrere dieser Warnsignale erkennen, empfehlen wir eine kritische Überprüfung Ihrer therapeutischen Situation. Wir helfen Ihnen dabei gern – kontaktieren Sie uns.

Eine seriöse Traumatherapie zielt darauf ab, vorhandene traumatische Erinnerungen zu bearbeiten – nicht jedoch, neue hervorzubringen. Ziel ist die Integration des Erlebten in die eigene Biografie: Das Trauma wird von einer ständigen Bedrohung zu einem Erlebnis aus der Vergangenheit.

Was deutet darauf hin, dass meine Erinnerung nicht echt ist?

  • Die Erinnerungen waren bis über die Pubertät hinaus nicht vorhanden oder betrafen nur unbestimmte Gefühle ohne konkrete Ereignisse. Eine echte Erinnerung besteht in der Regel kontinuierlich vom Zeitpunkt des tatsächlichen Vorfalls an.
  • Die Erinnerungen betrifft die ersten zwei bis drei Lebensjahre. Aus neurobiologischen Gründen ist das in der Regel nicht möglich – zumindest nicht als verlässliche, bewusste Erinnerung. Das autobiografische Gedächtnis ist in den ersten Lebensjahren noch nicht vollständig entwickelt, da wichtige Hirnstrukturen wie der Hippocampus erst allmählich reifen. Dieses Phänomen nennt man kindliche Amnesie.

Karl Sabbagh: Remembering our Childhood: How Memory Betrays US, Oxford 2010, S. 17–36

  • Die Erinnerungen sind unter suggestivem Einfluss entstanden. Vorsicht ist bei allen Techniken zur „Wiedergewinnung“ fehlender Erinnerungen geboten. Hypnose, geleitete Imagination oder Familienaufstellungen können nachweislich falsche Erinnerungen erzeugen. Auch Drogen, intensiver Austausch in entsprechenden Online-Foren oder Gruppendruck sind häufig an der Entstehung falscher Erinnerungen beteiligt.
  • Die Erinnerungen entstanden nach der Lektüre bestimmter Selbsthilfeliteratur, wie z. B. Michaela Huber: „Multiple Persönlichkeiten“, Ellen Bass und Laura Davis: „Trotz allem“, oder Martha Schalleck: „Rotkäppchens Schweigen“.

Generell gilt: Alle Therapien, die gezielt mit suggestiven Mitteln nach verdrängten Missbrauchserinnerungen suchen, bergen das Risiko, falsche Erinnerungen zu erzeugen.
Zwar kann es auch bei falschen Erinnerungen einen wahren Kern geben, beispielsweise dass ein Missbrauch oder etwas Vergleichbares stattfand, jedoch nicht im erinnerten Ausmaß oder durch die erinnerten Personen. Erinnerungen an echte traumatische Erlebnisse müssen jedoch nicht „hervorgeholt“ oder „herausgearbeitet“ werden. Nach allen Erkenntnissen der Gedächtnispsychologie prägen sie sich umso fester ein, je stärker und je länger das Trauma erlebt wurde.
Richard McNally: Remembering Trauma, Cambridge 2003, S. 105 ff. – Daniel Schacter: Wir sind Erinnerung, Reinbek 1997, S. 338 ff.

Ich erinnere mich an eine unauffällige, gute Kindheit. Mein Therapeut sagt, das sei ein Zeichen für Verdrängung.

Das ist ein klares Warnsignal. Wenn eine positive Erinnerung an die eigene Kindheit als Anzeichen besonders tiefer Verdrängung gedeutet wird, lässt sich damit jede Behauptung scheinbar bestätigen – ein Zirkelschluss, der sich jeder Überprüfung entzieht. Wenn keine entsprechende Erinnerung vorhanden ist, spricht das dafür, dass das behauptete Ereignis nicht stattgefunden hat.
Richard McNally: Remembering Trauma, Cambridge 2003, S. 159 ff. – Harrison Pope: Can Individuals „Repress“ Memories of Traumatic Events, in: Psychology Astray, 1997 – Carol Tavris & Elliot Aronson: Ich habe Recht, auch wenn ich mich irre, München 2010, S. 143 ff.

Lassen sich aus bestimmten Symptomen Rückschlüsse auf einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit ziehen?

Nein. Zwar gibt es psychische und körperliche Symptome, die als Folge eines Traumas auftreten können. Aber all diese Symptome sind unspezifisch und können auch ganz andere Ursachen haben. Ein Rückschluss von Symptomen auf eine bestimmte Ursache ist wissenschaftlich nicht möglich.
Richard Ofshe, Ethan Watters: Die missbrauchte Erinnerung, München 1995, S. 108 ff. – Richard McNally: Remembering Trauma, Cambridge 2003, S. 100 ff.

Sind Flashbacks oder stark emotionale Erinnerungen immer Erinnerungen an tatsächliche Ereignisse?

Nein, diese Annahme gilt als widerlegt. Bei Kriegsveteranen sowie bei Therapieopfern wurden emotionale Erinnerungen und Flashbacks nachgewiesen, deren Inhalt nachweislich nicht stattgefunden hat. Auch emotionale Erinnerungen an nicht existierende Ereignisse konnten künstlich erzeugt werden.
Richard McNally: Remembering Trauma, Cambridge 2003, S. 105 ff. – Daniel Schacter: Wir sind Erinnerung, Reinbek 1997, S. 338 ff.

Wie komme ich zu einer Zweitmeinung?

Sie haben jederzeit das Recht, eine zweite fachliche Meinung einzuholen. Ein gesetzlich geregeltes Zweitmeinungsverfahren wie bei bestimmten Operationen gibt es bei Psychotherapie jedoch nicht.

Die Kosten für eine psychotherapeutische Sprechstunde, also ein Erstgespräch bei einer anderen Fachperson, werden von der gesetzlichen Krankenversicherung in der Regel übernommen. Wenden Sie sich dazu bitte an Ihre Krankenkasse.

Gerne können wir von False Memory Deutschland e.V. Ihnen psychotherapeutische Fachleute für eine Zweitmeinung empfehlen. 

Ich möchte eine Therapie beginnen. Wie wähle ich seriös?

Formale Qualifikation
Wenden Sie sich ausschließlich an approbierte ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für vier zugelassene Verfahren – die sogenannten Richtlinienpsychotherapien:
      • Verhaltenstherapie
      • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie
      • Analytische Psychotherapie
      • Systemische Therapie.
Bei tiefenpsychologischen und analytischen Verfahren wird das Konzept der Verdrängung als theoretische Grundlage vorausgesetzt – ein Konzept, dessen wissenschaftliche Belastbarkeit umstritten ist. Systemische Therapie, insbesondere wenn sie Familienaufstellungen einschließt, setzt suggestive Elemente ein, die nach allgemeinen Erkenntnissen der Gedächtnisforschung zur Entstehung falscher Erinnerungen beitragen können.

Vorab
Informieren Sie sich über Praxen, die Sie in Betracht ziehen. Taucht in der Selbstbeschreibung das Wort „Trauma“ auf, ist Vorsicht geboten. Insbesondere dann, wenn Sie sich nicht an ein Trauma erinnnern. Dann ist keine Traumatherapie erforderlich.
Aus unserer Beratungsarbeit kennen wir Fälle, in denen eine nicht fachgerecht durchgeführte Traumatherapie bei Patientinnen und Patienten zu falschen Erinnerungen führte, weil Therapeutinnen oder Therapeuten wiederholt dazu aufforderten, angeblich verdrängte Traumata ins Bewusstsein zu holen. Bei Personen mit einem tatsächlich erlebten Trauma hilft eine seriöse Traumatherapie, mit vorhandenen belastenden Erinnerungen umzugehen – sie zielt nicht darauf ab, angeblich verdrängte Traumata wiederzuerinnern.
Schauen Sie in Bewertungsportalen wie Jameda oder Sanego weniger auf Gesamtbewertungen als auf mögliche Warnsignale. Misstrauisch sollten Sie werden, wenn Ihnen berichtet wird, eine Therapeutin oder ein Therapeut habe jemandem „gleich gesagt, woran seine Probleme liegen“. Seriöse Fachleute tun das nicht.

Probatorische Sitzungen
Vor Beginn einer Richtlinienpsychotherapie stehen Ihnen mehrere von der Krankenkasse bezahlte Probesitzungen zu. Nutzen Sie diese, um zu prüfen, ob die Chemie stimmt und ob Sie Ihre Probleme mit dieser Person offen besprechen können. Falls nicht, sprechen Sie es an – oder suchen Sie eine andere Therapeutin oder einen anderen Therapeuten auf, das steht Ihnen zu. 

Zu Beginn der Therapie
Lassen Sie sich die Vorgehensweise und mögliche Nebenwirkungen erklären. Jede Psychotherapie kann Nebenwirkungen haben, auch wenn keine Medikamente im Spiel sind. Fragen Sie, ob regelmäßige Supervision stattfindet und von wem.

Im Verlauf
Verlassen Sie eine Therapie, in der – auch unterschwellig – versucht wird, Erinnerungen an bestimmte Ereignisse zu suggerieren oder Ihre Vergangenheit in eine vorgegebene Richtung zu deuten. Stellt sich über einen längeren Zeitraum keine spürbare Verbesserung ein, ist es berechtigt, den gewählten therapeutischen Ansatz zu überdenken.

Hinweis
Approbierte Therapeutinnen und Therapeuten und Ärzte in Praxen und Kliniken arbeiten in der Regel seriös und zum Wohle ihrer Patientinnen und Patienten. Wie unsere Beratungsarbeit zeigt, gibt es jedoch keine Garantie, auch bei qualifizierten Fachleuten oder in einer Fachklinik nicht in eine Fehltherapie zu geraten. -> Erfahrungsbericht

 

Teil 2: Mir wurden in einer Therapie oder in einem vergleichbaren Kontext falsche Missbrauchserinnerungen suggeriert. Was kann ich tun?

Wie werde ich meine Erinnerungen wieder los?
Falsche Erinnerungen lassen sich in der Regel nicht einfach „löschen" – die Bilder bleiben im Kopf. Was sich ändern kann, ist die Einschätzung ihrer Echtheit. -> FAQ: Lassen sich falsche Erinnerungen wieder löschen? Eine seriöse Psychotherapie kann Ihnen dabei helfen, mit diesen Bildern umzugehen und sie als das einzuordnen, was sie sind. False Memory Deutschland hilft Ihnen bei der Suche nach geeigneter Unterstützung. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen kann entlastend sein – wir vermitteln entsprechende Kontakte.

Welche rechtlichen Schritte sind möglich?

Eine Schadensersatzklage gegen den Behandler ist grundsätzlich möglich, denn falsche Erinnerungen durch Psychotherapie können als Behandlungsfehler gewertet werden. Schadensersatz ist jedoch schwer durchzusetzen. Behandlungsfehler müssen bewiesen werden. Und Haftung besteht meist nur bei groben Fehlern, also bei einem klaren Verstoß gegen medizinische Standards. Da diese Standards in der Psychotherapie oft unklar definiert sind, gibt es bisher nur wenige erfolgreiche Klagen.

Wir empfehlen Ihnen in jedem Fall, frühzeitig eine anwaltliche Beratung in Anspruch zu nehmen. Gerne helfen wir ihnen bei der Suche nach einem Anwalt, der Erfahrung mit der False-Memory-Problematik hat. 

Ich habe aufgrund falscher Erinnerungen eine Person wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Kann ich die Anzeige zurücknehmen?

Eine einmal erstattete Strafanzeige kann nicht förmlich zurückgezogen werden. Sie können der Polizei oder der Staatsanwaltschaft jedoch mitteilen, dass Sie kein Interesse mehr an einer Strafverfolgung haben. Ob die Ermittlungsbehörde das Verfahren daraufhin einstellt oder eine bereits erhobene Anklage fallen lässt, liegt in ihrem Ermessen und hängt vom Einzelfall ab.

Ob Sie sich durch dabei selbst einer Strafverfolgung wegen Falschbeschuldigung aussetzen, kann nur im Einzelfall rechtlich beurteilt werden. Wenden Sie sich unbedingt an einen Anwalt.

Sie können etwas tun, um zu verhindern, dass anderen Ähnliches widerfährt!

Melden Sie den Vorgang bei folgenden Stellen:

  • Zuständige Heilberufekammer (z. B. Psychotherapeutenkammer) oder Berufsverband
  • Kassenärztliche Vereinigung
  • Medizinischer Dienst der Krankenversicherungen (MDK), zuständig für die Qualitätssicherung medizinischer und therapeutischer Behandlungen in Deutschland
  • Ihrer eigenen Krankenversicherung, damit sie die Praxen oder Einrichtungen kritisch im Auge behält
  • strafrechtlich relevante Vorwürfe: bitte an die Staatsanwaltschaft

Teilen Sie uns Ihre Erfahrung mit – wir unterstützen Sie auch dabei, eine Meldung bei den entsprechenden Stellen zu machen.

In allen Fällen gilt: False Memory Deutschland e.V. berät Sie individuell, vertraulich und kostenlos – ob bei Zweifeln an Ihren Erinnerungen, bei der Suche nach einem spezialisierten Anwalt oder bei Fragen zur Meldung bei Behörden. Kontaktieren Sie uns.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Schluss von Symptomen auf Ursachen

Ofshe R., Watters E. (1995): Die missbrauchte Erinnerung. dtv, München, S. 108 ff.

McNally R. (2003): Remembering Trauma. Harvard University Press, Cambridge, S. 100 ff.

Erinnerung an Traumata

McNally R. (2003): Remembering Trauma. Harvard University Press, Cambridge, S. 105 ff.

Schacter D. (1997): Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit. Rowohlt, Reinbek, S. 338 ff.

Verdrängung traumatischer Erlebnisse

McNally R. (2003): Remembering Trauma. Harvard University Press, Cambridge, S. 159 ff.

Otgaar H. et al. (2019): The Return of the Repressed: The Persistent and Problematic Claims of Long-Forgotten Trauma.Perspectives on Psychological Science, 14(6): 1072–1095.


Rolle der Verdrängung in der Psychotherapie

Tavris C., Aronson E. (2010): Ich habe Recht, auch wenn ich mich irre. Riemann Verlag, München, Kap. 4, S. 143 ff. (Erklärt anhand kognitiver Dissonanz, warum Therapeuten den Zirkelschluss der Verdrängungstheorie nicht erkennen – und warum sie Fehler nicht eingestehen können.)


Ausführliche Darstellungen

Shaw J. (2016): Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. Carl Hanser Verlag, München.

Oeberst A. (2026): Zur Belastbarkeit und Suggerierbarkeit von Erinnerungen. Eine wissenschaftliche Anregung für psychotherapeutische Berufe. Springer, Berlin. (Richtet sich primär an ein Fachpublikum, ist aber auch für Laien gut verständlich.)


Weitere ausgewählte Quellen

Brand B.L., Loewenstein R.J., Spiegel D. (2014): Dispelling myths about dissociative identity disorder treatment: an empirically based approach.Psychiatry, 77(2): 169–189. (Vertritt das Traumamodell der DIS.)

Lynn S.J., Maxwell R., Merckelbach H. et al. (2019): Dissociation and its disorders: Competing models, future directions, and a way forward.Clinical Psychology Review, 73: 101–107.

Lynn S.J. et al. (2022): Dissociation and Dissociative Disorders Reconsidered: Beyond Sociocognitive and Trauma Models Toward a Transtheoretical Framework.Annual Review of Clinical Psychology, 18: 247–272.

American Psychiatric Association (2023): New Study Evaluates Quality of Information on YouTube, TikTok About Dissociative Identity Disorder. psychiatry.org, Pressemitteilung.

Moran M. et al. (2023): YouTube and TikTok as a source of medical information on dissociative identity disorder.Psychiatry Research Communications, 3(4): 100155.

MindSite News (2024): TikTok’s Fixation on Dissociative Identity Disorder. Chronicle of a Trauma Foretold. mindsitenews.org, 24. Oktober 2024.

Weltgesundheitsorganisation (WHO): ICD-11 Browser, Codes 6B64 und 6B65.


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