Dass meine Liebe zu ihnen unzerstörbar ist, habe ich meinen Töchtern immer gesagt
Bericht eines beschuldigten Vaters
Ich bin als Vater von den falschen Erinnerungen meiner beiden Töchter an sexuellen Missbrauch durch mich betroffen. Dieser Vorwurf hing lange im Raum, bis er mir gegenüber konkret geäußert wurde. Nach Jahren vergeblicher Hoffnungen und Kontaktversuche weiß ich: Eine „normale“ Familie werden wir nicht mehr werden. Ich liebe meine Töchter trotzdem.
In meinem Bericht habe ich Namen und Ereignisse verändert, um zu vermeiden, dass sie sich bloßgestellt sehen. Dass sie sich selbst sich in diesem Bericht erkennen könnten, ist für mich kein Problem. Sie dürfen durchaus wissen, was ich denke.
Manche Menschen können nicht nachvollziehen, warum ich meine Töchter schützen möchte. Sie fragen: „Haben Sie Ihre Tochter schon enterbt?“ Sie haben nichts verstanden. Für mich war der Zorn auf meine Kinder, die mich zu Unrecht beschuldigen, nur eine Durchgangsphase. Ich weiß, dass sie die eigentlichen Opfer sind – nicht von Missbrauch, sondern von falschen Suggestionen.
In meinem Bericht soll es nicht so sehr darum gehen, wie mich all das persönlich getroffen hat. Ich hoffe, dass ich anderen dadurch ein ähnliches Schicksal ersparen kann.
Die Vorgeschichte
Meine älteste Tochter Friederike war als kleines Kind sehr lebhaft, sprach und lief früh und war stets fröhlich. Knapp zwei Jahre nach ihr kam Siegfried auf die Welt. Als er selbständiger wurde und anfing, ihre Spiele zu stören, weigerte sich Friederike plötzlich und sehr dramatisch, ins Bett zu gehen und hielt sich wach bis in die Morgenstunden. In der Folge war unser fröhliches Kind über viele Jahre hinweg verfinstert.
Die jüngste Tochter, Anja, kam mit einigem Abstand und entwickelte sich problemlos. Uns fiel auf, dass sie während der Pubertät fast ausschließlich mit Buben spielte und sich geradezu als Bub definierte.
Als die Kinder Teenager waren, hatten meine Frau und ich uns auseinanderentwickelt. Wir trennten uns und ließen uns scheiden. Friederike, die Älteste, reagierte mit einer Essstörung, Siegfried mit pubertärer Leistungsverweigerung und Anja wurde eine Sportskanone.
Zwar hatten meine Kinder Verständnis für meinen Trennungswunsch geäußert, aber als ich dann wirklich auszog, wollten sie erst einmal nichts mehr mit mir zu tun haben. Später wurde unser Verhältnis dann wieder sehr liebevoll. Als ich – fast zehn Jahre nach der Trennung von meiner ersten Frau – eine neue Partnerin kennenlernte, wurde auch sie in ihre Liebe mit aufgenommen.
Ich verliere den Kontakt zu allen drei Kindern
Als junge Erwachsene kämpften unsere beiden Töchter mit gewissen Schwierigkeiten: Anja, die Jüngere, absolvierte eine Ausbildung im medizintechnischen Bereich. Sie trug schwarzes Leder und fuhr Motorrad und sagte, sie müsse ihre Pubertät nachholen. An ihren Problemen waren angeblich immer andere schuld.
Friederike wurde Sängerin, doch sie hatte Angstprobleme entwickelt, die ihr Leben beherrschten. Deshalb wollte sie eine weitere Ausbildung zur Heilpraktikerin machen. Ihr heutiger Mann, den sie später heiratete, und der Arzt ist, bestärkte sie darin. Als er 1997 selbst als angestellter Klinikarzt eine psychotherapeutische Zusatzausbildung durchlief, begann auch Friederike mit einer psychotherapeutischen Wochenendausbildung. Nach den Sitzungen telefonierten wir oft. Einmal war sie sehr verstört und sagte, sie könne über die Sitzung gar nicht reden. Bald darauf bat sie mich, sie nicht mehr anzurufen. Auch ihre Geschwister hüllten sich in Schweigen. Auf meine Fragen, was los sei, brachen sie das Gespräch mit kryptischen Bemerkungen wie „Die Vergangenheit holt uns ein“ ab.
Als mir in dieser Zeit zufällig ein Aufsatz der Psychologin Elizabeth Loftus über falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in die Hand fiel, fragte ich mich schon, ob die Probleme mit meinen Kindern damit zusammenhängen könnten.
Friederike schrieb mir, sie wisse nicht, was mit ihr los sei. Sie sei aber in Therapie. Ich glaube, sie war es, die mir das Buch „Trotz allem“ von Bass und Davis empfahl. Darin geht es um Selbsthilfe vor allem für Frauen geht, die sexuelle Gewalt erfahren haben.
Durch diese Lektüre geriet ich in ernste Sorge. Zu Friederikes Mann sagte ich, ich fände das Buch gefährlich und suggestiv. Er entgegnete, es sei gut und wichtig für die Psychotherapie. Ich fürchte, er glaubt das heute noch.
Ein Vorwurf hängt in der Luft – oder doch nicht?
Ein Dreivierteljahr nach dem Kontaktabbruch hörte ich, dass mir meine Kinder sexuellen Missbrauch im Kindesalter vorwarfen. Ich rief meine Ex-Frau an: Sie sagte, sie wisse von dem Vorwurf, aber sie halte sich raus, da sie ja nicht dabei gewesen sei.
Ich war sicher kein idealer Vater. Bestimmt wirkten sich die Differenzen zwischen meiner ersten Frau und mir sehr nachteilig auf meinen Kontakt zu den Kindern aus. Aber es gab keinen sexuellen Missbrauch. Nicht einmal lüsterne Blicke oder entsprechende Bemerkungen. Ich war ratlos.
Ich schrieb einen langen, liebevollen Brief an Friederike, Anja und Siegfried. Friederike antwortete als Einzige: Sie erinnere sich nicht an sexuellen Missbrauch. Jjeder Kontakt mit mir belebe jedoch ihre selbstzerstörerischen Tendenzen, da sie eine multiple Persönlichkeit sei. Schon nach drei Monaten Therapie sei das nicht mehr zu leugnen gewesen und ihre Therapie werde von der anerkanntesten Spezialistin für dieses Problem supervidiert. Ich las daraufhin das Buch „Multiple Persönlichkeiten“ von Michaela Huber. Meine Sorge wurde noch größer.
Eines Tages brachte mir eine Paketspedition mir mein kleines Cembalo zurück, das ich Friederike geliehen hatte. Ohne Dank, ohne Kommentar – und kaputt, weil es schlecht verpackt gewesen war. In unserem letzten Telefongespräch hatte meine Tochter noch erzählt, wie hilfreich ihr das Instrument in ihren schweren Zeiten gewesen sei.
„Warum gehst Du so mit mir um?“, hatte ich sie gefragt. Sie gab mir keine Antwort.
Ich werde Großvater und mein Sohn meldet sich
Mein Sohn Siegfried hatte inzwischen geheiratet und war Vater einer Tochter geworden. Er glaubte nicht mehr daran, dass ich getan hätte, wessen mich seine Schwestern beschuldigten. Sehr vorsichtig nahmen wir den Kontakt wieder auf. Seitdem ist er nicht abgerissen.
Über meine jüngste Tochter Anja erfuhr ich auf Umwegen, dass sie Psychologie studiert, ihr Diplom gemacht und geheiratet hatte. Als ich eine nicht unerhebliche Erbschaft machte, wollte ich allen drei Kindern einen größeren Betrag geben. Ich bat alle um eine Rückmeldung, wenn das Geld angekommen sei: Von meinen Töchtern kam nichts. Vier Jahre später bedankte sich Anja dafür: Das Geld habe es ihr ermöglicht, eine schöne Wohnung zu erwerben. Aber ich solle nicht weiter versuchen, Kontakt zu ihr aufzunehmen.
Kurz nachdem ich diese Nachricht von Anja erhalten hatte, wurde ich nach einem schweren Skiunfall ins künstliche Koma gelegt. Mein Sohn hatte seine Schwestern benachrichtigt. Anja kam sofort. Sie sprach mit mir, während ich im Tiefschlaf lag, und sie kam wieder. Unser Verhältnis wurde belastbarer. Für mich sah es so aus, als ob Liebe eine Brücke zwischen ihrer Überzeugung, von mir missbraucht worden zu sein und meinem Wissen, dass es sich dabei um eine falsche Erinnerung handelte, bauen könnte..
Sieben Jahre lang hielt die Brücke, dann brach der Kontakt zu Anja nach einem unglücklich verlaufenen Gespräch wieder ab.
Meine Ex-Frau hatte sich Jahre zuvor eindeutig auf die Seite meiner Töchter gestellt. Neun Jahre später besuchte sie mich und berichtete mir von einer Familienaufstellung nach Hellinger. Dabei habe sich für sie nicht nur ergeben, dass meine Töchter mich zu Unrecht beschuldigten, sondern auch, dass mein Vater, der bereits seit 15 Jahren tot war, ein NS-Kriegsverbrecher gewesen sei. Sein Karma habe die Schwierigkeiten erzeugt. Sie fürchte jedoch, mit dieser Information die mühsam gewonnene psychische Stabilität meiner Töchter zu gefährden.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass ich zum zweiten Mal Großvater geworden war: Friederike hatte eine Tochter bekommen. Sofort gratulierte ich ihr zur Geburt und erhielt eine kurze, liebevoll geschriebene Antwort mit Foto. Als ich jedoch meiner Enkelin etwas zu Weihnachten schenken wollte, wurde mir das verboten: Wenn sie erwachsen sei, sagte Friederike, könne ihre Tochter selbst entscheiden, ob sie Kontakt zu mir aufnehmen wolle.
Zehn Jahre später: Nun doch die Beschuldigung
Ich verlor die Fassung. Ich schrieb zurück, ob sie meinten, dass ich ewig lebe. Was stünde eigentlich zwischen uns, dass Sie so reagieren müsse?
Erst in diesem Moment, fast zehn Jahre nach dem Abbruch der Kontakte, äußerte Friederike selbst in einem kurzen Brief erstmals konkret den Vorwurf, ich hätte sie jahrelang sexuell missbraucht. Das hätte sie von Anfang an gewusst. Dass sie mir damals aus der Therapie geschrieben hatte, sie könne sich an keinen Missbrauch erinnern, schien sie vergessen zu haben.
Mein Schwiegersohn schrieb mir, er selbst habe von mir nur Gutes erfahren. Wenn ich kein Lügner sei, müsse ich den Missbrauch an Friederike wohl verdrängt haben. Er vermutete, Ich sei selbst eine multiple Person und als Kind missbraucht worden.
Friederike habe ich in all den Jahren nur noch einmal bei einer Trauerfeier getroffen. Wir umarmten uns wortlos mit Tränen in den Augen. Ich sah zum ersten Mal ihre Tochter, meine Enkelin. Friederike lehnt weiterhin jeden Kontakt zu mir ab.
Die Liebe zu meinen Töchtern ist unzerstörbar
Ich weiß nichts über die Therapien meiner Töchter, aber ich bin sicher, dass diejenigen, die sie therapierten – vermutlich in bester Absicht – sie in tiefes Leid gestürzt und ihnen den nicht stattgefundenen Missbrauch als kaum auslöschbare Erinnerung zugefügt haben. Meine Töchter sind Opfer, auch wenn der Täter nicht die Person ist, von der sie glauben, dass sie es ist. Ich weiß heute, dass beide ihren Vater lieben. Dass meine Liebe zu ihnen auf gar keine Weise zerstörbar ist, habe ich ihnen immer gesagt. Danken möchte ich an dieser Stelle meiner jetzigen Ehefrau. Ihre unerschütterliche Liebe und Unterstützung haben mir geholfen, diese schweren Jahre ohne Verbitterung durchzustehen.