Das Lesen der Ermittlungsakte war aufwühlend
Dreizehn Jahre und ein Neuanfang – eine beschuldigte Mutter erzählt
Teil 1: Ohne unsere Tochter
Vor dreizehn Jahren brach unsere damals 20-jährige Tochter aus heiterem Himmel den Kontakt zu uns ab – ohne Angabe von Gründen. Wir waren fassungslos. Bis dahin waren wir eine ganz normale Familie gewesen: Vater, Mutter, zwei Töchter und ein Sohn. Es war uns immer wichtig, wirklich „Familie" zu leben.
Unsere Tochter wohnte zu der Zeit nicht mehr zu Hause, machte eine Ausbildung und lebte selbständig. Über eine Bekannte erfuhren wir, dass sie sich vor uns „in Sicherheit bringen" müsse und dringend eine Therapie machen wolle. Schon damals hing der Vorwurf in der Luft, wir hätten sie sexuell missbraucht.
Wir erfuhren, dass sich unsere Tochter in einem Frauenhaus aufhielt, später, dass sie eine stationäre Therapie machte
Was uns durch die folgenden Jahre trug, bis sich plötzlich wie durch ein Wunder alles änderte, hatte am Ende wenig mit unserer Tochter zu tun – sondern mit etwas, das uns selbst hielt, ganz unabhängig von allem, was noch kommen sollte. Aber dazu später mehr.
Damals erfuhren wir, dass unsere Tochter sich in einem Frauenhaus aufhielt, später, dass sie eine stationäre Therapie machte. Wir hofften, danach könnten wir wieder miteinander reden.
Nach zwölf Wochen Therapie kam stattdessen ein Brief: definitiv kein Kontakt mehr, die Ärzte hätten ihr dies dringend empfohlen. Außerdem forderte sie Geld. Monatelang hörten wir dann nichts mehr – sie hatte alles sperren lassen.
Sie verlas eine Anklageschrift: Wir hätten sie vergewaltigt, geschlagen, sadistisch gequält
Eines Tages kam ein weiterer Brief: Ihre Kindheit sei ausschließlich von Missbrauch, Gewalt und Brutalität geprägt gewesen. Sie habe das nun „bearbeitet" und wolle mit uns reden – auf neutralem Boden, in Gegenwart einer neutralen Person.
Das Gespräch wurde zum schrecklichen Höhepunkt des ganzen Prozesses. Unsere Tochter brachte ihre langjährige Therapeutin mit, die sie die ganze Zeit an der Hand hielt. Wir wurden instruiert, sie nicht zu unterbrechen. Dann verlas unsere Tochter eine lange Anklageschrift: Wir hätten sie vergewaltigt, geschlagen, sadistisch gequält, ihr Essen verweigert oder sie zum Essen gezwungen. Für die Therapeutin war das Urteil längst gefällt – und uns wurde klar, dass wir völlig ohnmächtig waren: Egal was wir sagen würden, es würde gegen uns verwendet werden.
Die Polizei ermittelte, Geschwister und Verwandte wurden als Zeugen vernommen
Anfang 2008 erreichte uns der nächste Schock: Unsere Tochter hatte uns angezeigt, wegen schwerem sexuellen Missbrauch. Die Polizei ermittelte, Geschwister und Verwandte wurden als Zeugen vernommen. Über den Arbeitskreis „Induzierte Erinnerungen" fanden wir einen kompetenten Anwalt. Das Lesen der Ermittlungsakte war zutiefst aufwühlend: Deutlich war zu erkennen, wie sich von Therapie zu Therapie immer neue Details aufbauten.
Auffällig: Während der stationären Therapie hatte unsere Tochter laut Akte mehrfach Zweifel geäußert, ob das alles wirklich so stattgefunden habe – die Therapeutin zerstreute diese Bedenken jedes Mal sofort mit dem Hinweis, alles andere sei nur Verdrängung.
Eine der Aussagen ließ sich eindeutig widerlegen: Unsere Tochter behauptete, wir hätten ihr in ihrer Wohnung mit einem erhitzten Löffel Brandwunden am Hals zugefügt – an einem Tag, an dem wir nachweislich mit Besuch bei uns zu Hause waren und ihre Adresse gar nicht kannten. Auch weitere Aussagen, etwa über eine angebliche Schwangerschaft mit 15 und eine Abtreibung, konnte unser Anwalt entkräften. Sie verweigerte während des ganzen Verfahrens jede gynäkologische Untersuchung – was ihr wegen ihrer „schweren Traumatisierung" stets zugestanden wurde.
Sie hatte ihren Namen ändern lassen – ein Ausradieren ihrer Herkunft
Schließlich wurde ein unabhängiges psychiatrisches Gutachten angefordert. Die Gutachterin befragte unsere Tochter einen ganzen Tag lang und kam zu dem Schluss: Sie sagt nicht die Wahrheit. Psychisch krank ist sie nicht, allenfalls liegt eine psychische Störung vor. Das Verfahren wurde eingestellt.
Was war nur mit unserer Tochter geschehen, wer hatte sie derart manipuliert, dass sie alles, was ihr bis zum zwanzigsten Lebensjahr wertvoll gewesen war, mit Füßen trat? Eines Tages erfuhren wir durch Zufall, dass sie eine Namensänderung hatte vornehmen lassen – ein vollkommenes Ausradieren ihrer Herkunft. Unsere anderen Kinder hatten inzwischen geheiratet und ihr Heiratsanzeigen zukommen lassen – keine Reaktion. Der Großvater, zu dem sie eine gute Beziehung gehabt hatte, starb – auch diese Nachricht ließen wir ihr zukommen. Wieder keine Reaktion.
Unser Vertrauen in Gott hielt uns aufrecht
Was uns all die Jahre aufrecht hielt? Wir leben als bewusste Christen. GOTT ist für uns ein personales Gegenüber. Die anfängliche Wut und Verzweiflung haben wir Ihm immer wieder entgegengeschrien – und konnten unsere Tochter immer wieder abgeben und Ihm ans Herz legen. Dieses Vertrauen hat uns über all die Jahre einen tiefen Frieden vermittelt, den wir uns selbst nicht hätten geben können.
Wir waren als Familie beschädigt, aber nicht zerstört.
Teil 2: Mit unserer Tochter
All die Jahre hindurch habe ich immer wieder im Internet nach Spuren unserer Tochter gesucht. Dann geschah das Unglaubliche: völlig unverhofft entdeckte ich ihre Seite in den sozialen Medien – frei und öffentlich einsehbar. Sie war verheiratet, hatte Kinder, ein ganzes Leben, von dem wir nichts gewusst hatten. Ich war wie elektrisiert – wir sahen unsere zwei „neuen" Enkel quasi in Bildern heranwachsen. Es war wie ein Donnerschlag.
Ich fragte, ob wir uns treffen wollen. Sie war sofort einverstanden
Schnell nahm unsere zweite Tochter Kontakt auf – die Antwort kam sofort. Bald darauf besuchte auch die Oma sie. Ich selbst schrieb ihr über Monate immer wieder, freute mich schriftlich über ihre Familie. Sie antwortete stets sehr positiv, sodass ich sie irgendwann fragte, ob wir uns nicht einmal treffen wollten. Sie war sofort einverstanden – fast, als hätte sie darauf gewartet.
Wir arrangierten das Treffen im Haus der Schwester. Bis vor zwei, drei Jahren war unsere Haltung gewesen: Ein Kontakt kann nur entstehen, wenn unsere Tochter ihre Falschaussagen erkennt und bereut. Anders konnten wir uns das nicht vorstellen. Doch nach und nach löste sich etwas in uns. Kurz vor dem Treffen einigten wir uns schließlich nur noch auf eine einzige Frage: ob sie immer noch glaube, dass wir ihr das alles wirklich angetan hätten.
Die ganze Last der Anschuldigungen alle Bitterkeit fielen einfach von uns ab
Etwa zwei Tage vor dem Treffen erlebten mein Mann und ich, wie diese ganze Last der Anschuldigungen und alle Bitterkeit einfach von uns abfiel. Wir betrachten das als Geschenk – menschlich gesehen wäre uns das so nicht möglich gewesen. Mit einem Mal interessierte uns überhaupt nicht mehr, was vor dreizehn Jahren geschehen war. Wir hatten lange genug daran „gearbeitet" – von unserer Seite war es abgehakt.
So gingen wir zu dem Treffen in der festen Gewissheit, dass es gut werden würde. Und das wurde es auch. Die Atmosphäre war entspannt und fröhlich – es fühlte sich an, als käme ein Familienmitglied von einer sehr langen Reise zurück. Wir lernten unseren unbefangenen Schwiegersohn kennen und unsere neuen Enkel, die uns gleich „Opa" und „Oma" nannten. Unsere andere Tochter meinte später, jemand, der nichts von der Vorgeschichte gewusst hätte, hätte einfach ein ganz normales, fröhliches Familientreffen gesehen.
Mittlerweile habe ich unsere Tochter schon in ihrem Zuhause besucht, die Kinder lernen sich immer besser kennen. Falls unsere Tochter irgendwann über das Vergangene reden möchte, sind wir dazu bereit – wir brauchen es nicht. Es gibt einfach lebhafte Gespräche, denn nach dreizehn Jahren hat man sehr viel zu erzählen.
Was wir gelernt haben: In aller Ohnmacht niemals die Hoffnung und das Vertrauen aufgeben – und loslassen.