False Memory
Deutschland e.V.

Ich weinte, bis ich zuhause war. Es kam mir so vor, als hätte ich keine Familie mehr

Der Besuch bei einer Heilpraktikerin und die Folgen – zerlegt durch Scheinerinnerungen aus der Traumatherapie

Ich bin Diplompädagogin und arbeite mit Menschen, die unter Verhaltensstörungen leiden. Derzeit absolviere ich ein Aufbaustudium der Psychotherapie, mir sind entsprechende fachliche Gedankengänge also vertraut. bin Als ich vor fünf Jahren eine Heilpraktikerin aufsuchte, hatte ich keine Vorstellung davon, wie sehr dies mein Leben aus den Fugen bringen würde. Zwar hatte ich zu der Zeit psychische Schwierigkeiten und leicht depressive Zustände im Zusammenhang mit Liebeskummer, aber ich ging wegen etwas anderem dorthin, einer immer wiederkehrenden Blasenentzündung. Ich hatte mich viel mit Esoterik beschäftigt und einen Glauben an „höhere Mächte“ entwickelt. Frau S. hatte ich bei einem Vortrag auf der „Lebensfreude“-Messe in Hamburg erlebt und fand sie sympathisch: eine freundliche Mittvierzigerin mit kurzen blonden Haaren und Brille. Sie gab an, auch Schamanin zu sein.

In ihrem Inneren, behauptete Frau S., habe sie mich und meinen Vater gesehen

Als ich ihr mein Problem nannte – die Blasenentzündungen – begann sie gleich, sich mit meinem „höheren Selbst“ zu verbinden. Sie schlug auf eine Trommel und forderte mich auf, währenddessen in mich zu gehen. Nach einer Weile hörte sie auf zu trommeln und sah mich besorgt an. Mein „höheres Selbst“ habe angstvoll auf ein Ereignis gedeutet. Ob es vielleicht sexuelle Grenzüberschreitungen vonseiten meines Großvaters gegeben habe?

Ich wusste davon nichts. Ich erzählte ihr jedoch, dass mir dieser Gedanke schon einmal im Studium gekommen sei, als es dort um Gewalt gegen Kinder ging. Meine Mutter hatte mir einmal erzählt, dass ich als Kind phasenweise ein entsprechendes Verhalten gegenüber meinem Vater gezeigt hätte. In ihrem Inneren, behauptete Frau S. nun, habe sie mich und meinen Vater „gesehen“. Ich erschrak: Vielleicht stimmte es doch?

Um „alte Erinnerungen“ hochkommen zu lassen, forderte mich Frau S. auf, meine Aufmerksamkeit in meine Blase zu richten – der Anlass meines Besuchs bei ihr. Kurz kam es mir vor, als würde eine Fratze vor meinem Gesicht erscheinen, das war alles. Im Studium hatte ich davon gelesen, dass die Erfahrung von Missbrauch oft über Generationen weitergegeben wird. Ich fragte Frau S., ob mein Vater möglicherweise selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sein könnte. Nachdem sie dies bejahte, erschien es mir wahrscheinlicher, dass mein Vater wirklich zum Täter geworden war.

Wenn die Behauptung von Frau S. stimmte, würde unsere Familie zerbrechen. Es kam mir so vor, als hätte ich keine Familie mehr

Frau S. riet mir, öfter zu ihr kommen. Die Kosten würden bestimmt meine Eltern übernehmen, um etwas gutmachen zu können. Ansonsten könne ich guten Gewissens nach Hause gehen, denn ich sei stabil. Doch schon in der Straßenbahn nach Hause erlebte ich etwas, das mich völlig aus der Fassung brachte: Eine Frau schlug ihrem kleinen Kind ins Gesicht. Als ich mich einmischte, begannen die Frau und ihr Begleiter sofort, mich aggressiv und vulgär zu beschimpfen. Keiner der Umstehenden half mir. Die Situation eskalierte und am Ende blieb ich verzweifelt und weinend zurück. Ich weinte, bis ich zuhause war. Normalerweise hätte ich jetzt meine Mutter angerufen, aber ich traute mich nicht. Wenn die Behauptung von Frau S. stimmte, würde unsere Familie zerbrechen. Es kam mir so vor, als hätte ich keine Familie mehr.

Zwei Tage lang fühlte ich mich wie in einem seltsamen Traum: In welchen Situationen hätten solche Erlebnisse stattfinden können? Ich steigerte mich in schreckliche Bilder hinein, sah mich als kleines Kind in der Badewanne auf den Kopf fallen, weil mir jemand die Füße weggezogen hatte. Gleichzeitig war ich mir dessen bewusst, dass es sich um falsche, induzierte Erinnerungen handeln könnte. Ich ging durch ein Wechselbad der Gefühle. Ich zweifelte an meinen Erinnerungen an meine für mich sehr schöne Kindheit. Zum Einschlafen musste ich wieder das Licht anlassen.

Ich traf eine Entscheidung: Ich wollte nicht mehr an das glauben, was Frau S. mir gesagt hatte

Wenn all das wirklich stimmen sollte, sagte ich mir, dann kann meine Mutter unmöglich davon gewusst haben. Am nächsten Tag war ich mir dessen nicht mehr so sicher. Mein Gefühl sagte mir, dass die Vermutungen von Frau S. Unsinn waren und mich das Ganze nur depressiv machen würde. Aber ich hatte kein Vertrauen mehr in mein eigenes Gefühl.

Nach diesen zwei Tagen traf ich eine Entscheidung, die rückblickend meine Rettung war: Per E-Mail teilte ich Frau S. mit, dass ich nicht mehr zu ihr kommen und auch nicht mehr an das glauben wollte, was sie mir gesagt hatte. Zudem hätte ich Angst vor induzierten Erinnerungen.

Leider stellte sich heraus, dass diese eine Stunde bei Frau S. trotzdem gereicht hatte, um mein Leben komplett auf den Kopf zu stellen. Die Behauptung, ich sei von meinem Vater missbraucht worden, ließ mich nicht los. Ich entwickelte Angstgefühle. In einer sehr aufgeregten Nacht kündigte ich meiner Mutter am Telefon meinen Besuch an. Während der fünfstündigen Autofahrt zu ihr waren meine Nerven gespannt wie Drahtseile.

Meine Mutter war nach meinem kurzen Anruf auf alles gefasst gewesen und war nun fast froh, dass es nur die Behauptung einer Heilpraktikerin war, die mich so erschüttert hatte. Wir sprachen lange, und es tat mir gut, dass sie mit absoluter Sicherheit sagen konnte, dass an dieser Behauptung nichts stimmte. Trotzdem ließen mich die Angstzustände und die Erinnerung an die Missbrauchsbehauptung nicht los.

Mein Vater reagierte liebevoll und fürsorglich. Ich vertraute ihm vollkommen

Als ich auch mit meinem Vater darüber sprach, reagierte er liebevoll und fürsorglich. Ich konnte mich ihm sehr nahe fühlen, was sonst nicht so oft vorgekommen war und ich vertraute ihm vollkommen. Doch am nächsten Morgen wachte ich wieder mit Angstzuständen auf. Ich ließ mich krankschreiben und blieb eine Woche bei meinen Eltern.

Zurück im psychotherapeutischen Praktikum, war ich dem Leid meiner Patienten nicht mehr gewachsen. Ich zog für sechs Wochen zu meinen Eltern und versuchte, dort die Mischung aus Depression und Angst selbst in den Griff zu bekommen. An schlechten Tagen löste jedoch immer noch alles Angst aus, was mich an die Geschichte erinnerte oder irgendwie mit sexuellem Missbrauch zu tun hatte.

Ich suchte deswegen eine andere Therapeutin auf. Sie sagte, ich solle meinem Unterbewussten vertrauen und wandte Hypnose an. Das löste bei mir noch mehr Angst und den Verlust meiner „inneren Sicherheit“ aus. Ich brach die Therapie ab.

Schließlich stieß ich im Internet auf den Verein „Schulterschluss bei Sektenbetroffenheit“ bzw. den „Arbeitskreis Induzierte Erinnerungen“ in Wuppertal. Man empfahl mir dort die Parkklinik Sophie Charlotte in Berlin und Prof. Stoffels. Ich blieb sechs Wochen dort. Anfangs wurde das Kreisen der Gedanken noch viel schlimmer; auch Suizidgedanken kamen auf. Trotzdem wurde dort die Basis für meine Stabilisierung gelegt.

Die schwärzeste Zeit meines Lebens war auch eine Zeit der Transformation für mich

Nach einem Dreivierteljahr konnte ich wieder arbeiten, zunächst als Erzieherin in einem Kinderhort, da ich nicht sofort wieder mit psychischen Problemen von Patienten konfrontiert sein wollte. Nach einer Reise und einem Sprachkurs nahm ich meine Psychotherapieausbildung wieder auf.

Seit meinem Besuch bei Frau S. sind fast fünf Jahre vergangen. Um dem Ganzen abzuschließen, habe ich noch einmal mit ihr telefoniert. Dabei stellte sich heraus, dass sie in bester Absicht gehandelt hatte. Ihr Fehler, den sie auch zugab, war ihr nicht bewusst gewesen.

Im Rückblick erschüttert es mich noch immer, welchen Einfluss diese schnell getroffene Bemerkung haben konnte. Aber ich bin auch dankbar, denn trotz ihrer Schwere und Hoffnungslosigkeit war die schwärzeste Zeit meines Lebens auch eine Zeit der Transformation für mich. Ich habe gelernt, was mir im Leben wichtig ist und welches Verhalten ich mir selbst gegenüber schuldig bin. Ich habe ein großes Maß an Empathie – aber auch an Vorsicht – gewonnen, wenn es um Patienten geht, die von Missbrauch betroffen sind.