Warum wir Falschbeschuldigungen ebenso ernst nehmen wie sexuellen Missbrauch
Sexueller Missbrauch ist ein schweres Verbrechen – Falschbeschuldigung ebenfalls
Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 17.545 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern (17.126 Fälle) und Jugendlichen (1.239 Fälle) angezeigt (Quelle: Bundeskriminalamt, Bundeslagebild 2025). Angesichts eines erheblichen Dunkelfelds dürfte die tatsächliche Zahl weit höher liegen. In einer Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts (2026) gaben 5 Prozent der befragten Frauen und 1,9 Prozent der Männer an, dass sie in der Kindheit und Jugend sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren.
Sexueller Missbrauch ist ein schwerwiegendes Verbrechen. False Memory Deutschland verurteilt ihn entschieden und befürwortet alle wirksamen Maßnahmen zu seiner Prävention und Bekämpfung.
Weniger bekannt, aber ebenso folgenreich ist ein anderes Phänomen: Falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch – und die Falschbeschuldigungen, die daraus entstehen können.
Suggestive Techniken können Falscherinnerungen auslösen
In nicht fachgerechten Psychotherapien oder in ähnlichen Settings kann es vorkommen, dass Menschen durch suggestive Techniken – etwa geleitete Imagination, wiederholtes Befragen oder bestimmte Formen der Hypnose – dazu angeregt oder sogar gedrängt werden, sich an sexuellen Missbrauch zu erinnern, von dem sie bisher nichts wussten. Auch bestimmte Inhalte in sozialen Medien können diesen Prozess begünstigen.
Dabei ist wichtig zu verstehen: Falsche Erinnerungen fühlen sich für die Betroffenen real und wahr an. Oft geht es Menschen mit falschen Erinnerungen an sexuellen Missbrauch genauso schlecht wie Personen, die tatsächlich sexuellen Missbrauch erlebt haben. Sie sind selbst Betroffene und verdienen Unterstützung, keine Verurteilung.
Falschen Erinnerungen unkritisch Glauben zu schenken, hilft den Betroffenen nicht. Es hält sie gefangen in der Identität eines vermeintlichen Opfers sexuellen Missbrauchs, nimmt ihnen ihre echte Vergangenheit und untergräbt ihre Identät.
Von der Scheinerinnerung zur Falschbeschuldigung
Falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch können dazu führen, dass Betroffene Eltern, Geschwister oder andere nahestehende Personen beschuldigen, sie in der Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht zu haben. Manche erstatten Anzeige.
Zu Unrecht Beschuldigte erleben die Erschütterung ihrer Existenz in alle Lebensbereiche hinein. Die Folgen einer Falschbeschuldigung können gravierend sein2: strafrechtliche Ermittlungen, gesellschaftliche Ächtung, wirtschaftliche Schäden, zerbrochene Familien – und im schlimmsten Fall die Verurteilung Unschuldiger. ->FAQ: Welche Folgen haben Falschbeschuldigungen für die Betroffenen?
Wenn Sie von einer Falschbeschuldigung betroffen sind oder an der Echtheit Ihrer Erinnerungen zweifeln, beraten wir Sie vertraulich und kostenlos.
1) Loftus EF, Pickrell JE. The formation of false memories. Psychiatric Annals 1995; 25(2): 720-725 – Loftus EF. Planting misinformation in the human mind. A 30-year investigation of the malleability of memory. Learning & Memory 2005; 12(4): 361-366 – Murphy, G., Dawson, C. A., Huston, C., Ballantyne, L., Barrett, E., Cowman, C. S., … Greene, C. M. (2023). Lost in the mall again: a preregistered replication and extension of Loftus & Pickrell (1995). Memory, 31(6), 818–830
2) Houben, S. T. L., Raymaekers, L., Loop, L., Vandervelt, D., Patihis, L., & Sauerland, M. (2024). Alleged false accusations of abuse: characteristics, consequences, and coping. Memory, 32(1), 90–99.