Als meine „Therapie“ endete, weil die Beratungsstelle des Bistums schloss, kamen alle Zweifel hoch
Traumatisiert durch Traumatherapie
Ich bin Mutter und Großmutter und berentet. Im Jahr 2017 suchte ich wegen akuter familiärer Probleme therapeutische Hilfe. Ich war froh, dass ich zeitnah Termine bei einer Ehe-, Familien- und Lebensberatung unseres Bistums in der Nähe meines Wohnorts bekam.
Die Therapeutinnen und ihre Methoden
Nach einigen Gesprächen erklärte mir die Therapeutin, sie sehe bei mir einen Hintergrund ritueller Gewalt und werde mich deshalb an eine Kollegin, Frau A., weiterleiten, die eine „Koryphäe“ auf diesem Gebiet sei. Frau A. wurde meine neue Therapeutin. Wenig später übernahm sie die Leitung der Beratungsstelle „Organisierte sexuelle und rituelle Gewalt“ der Ehe-, Familien- und Lebensberatung des Bistums.
In den folgenden sechs Jahren nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Schon nach wenigen Sitzungen brachte Frau A. mich mit einer weiteren „Therapeutin“ zusammen, die ich Frau B. nenne. Frau B., die sich als Lebensberaterin bezeichnete, führte mit mir Reiki und Traumreisen in die Kindheit durch.
Beide arbeiteten offensichtlich abgestimmt. Auch Frau B. „therapierte“ mich als Opfer ritueller Gewalt. Es musste Absprachen zwischen ihnen gegeben haben, obwohl ich keine der beiden Damen von ihrer Schweigepflicht entbunden hatte.
Was mir eingeredet wurde: Ich sei vom Säuglingsalter an programmiert worden, das zu tun, was andere – speziell Männer – von mir wollten. Ich müsse durch Frau A. umprogrammiert werden.
Frau A. deutete meine schwierige Kindheit und all meine aktuellen familiären Probleme dahingehend, dass ich ein Opfer ritueller Gewalt sei. Meine Symptome, wie zum Beispiel meine Angst vor Dunkelheit, seien ein Beweis dafür.
Sie bezeichneten mich als „Multi“: Ich hätte zig verschiedene Persönlichkeiten, mit je verschiedenen Augenfarben und Schuhgrößen. Meiner Nachfrage, wie ich das verstehen solle, wichen sie aus: Ich müsse das einfach glauben. Es sei so, wie sie sagten, weil sie „das Wissen“ hätten.
Frau A. lieh mir Bücher und drängte mich, Fernsehfilme anzuschauen, die zu dieser Zeit gerade liefen. Bücher und Filme vermittelten die gleichen Horrorszenarien: Altäre, Opfergaben, Folter, Tieropfer, viel Blut. In Bildern, die ich danach gemalt hatte, glaubte Frau A., Anzeichen für Satanismus zu erkennen. Als ich daraufhin Albträume bekam, erklärte sie mir, diese zeigten wahre Ereignisse aus meiner Kindheit, an die ich mich bisher nicht erinnert hätte, da ich „multipel“ sei. Meine verschiedenen Innenpersonen hätten verschiedene Wahrnehmungen, was eine ganz normale Überlebensstrategie sei. Erinnerungslücken erklärte sie auch damit, dass ich offensichtlich betäubt worden sei.
Außerdem erklärten mir die beiden, ich sei in eine Täterfamilie hineingeboren und vom Säuglingsalter an programmiert worden, das zu tun, was andere speziell Männer – von mir wollten. Diese Programmierung bestehe heute noch. Mit mir habe man Geld verdient. Ich hätte bereits ein Kind gehabt, das im Kult bei einer rituellen Massenvergewaltigung gezeugt und später geopfert worden sei. Ich müsse durch Frau A. umprogrammiert werden.
Wie die Manipulation wirkte: Nach und nach stellten sich Missbrauchsbilder ein
Ich traute meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr. In meinem Selbstbewusstsein war ich so verunsichert, dass ich mich trotz meiner Zweifel immer weiter auf die Beratung einließ. Nach und nach stellten sich bei mir Missbrauchsbilder ein, von meinem Vater, einem Freund des Vaters und von anderen Personen.
Die beiden Beraterinnen schürten meine Angst vor den „Tätern“, die mich angeblich ständig verfolgen würden. Sie drängten mich, einen Antrag auf Betreuung in allen Lebensbereichen zu stellen, um eine Pflegestufe – und damit Pflegegeld – zu erhalten.
Frau A. und Frau B. forderten, dass ich mich von allen Freunden und Bekannten, auch von meinen Ärzten, dem Osteopathen und der Krankengymnastin trennen müsse. Sie sagten: „Die hängen alle mit drin.“ Damit war der „Kult“ gemeint. Besonders vehement drängten sie mich, den Kontakt zu meinen Enkelkindern umgehend zu beenden. Ich würde eine Gefahr für sie darstellen, weil ich die „Täter“ zu ihnen führen würde. Wenn ihnen etwas passieren würde, wäre ich schuld.
Auch ich sei in Lebensgefahr, sobald ich das Haus verlasse. Vor jeder Autofahrt sollte ich das Fahrzeug auf Manipulationen überprüfen, denn die Täter manipulierten Autos, um Morde wie Unfälle aussehen zu lassen. Wenn mir ein Auto zu folgen scheint, solle ich das Kennzeichen fotografieren und notieren.
Frau A. erklärte, auch sie selbst und ihre Familie seien wegen ihrer Arbeit bedroht.
Das Ende der „Therapie“: Die Beratungsstelle schließt, und alle Zweifel kommen hoch.
Die Beratung fand ein abruptes Ende, als die Arbeit der Beratungsstelle im März 2023 aufgrund heftiger Medienkritik – unter anderem durch einen SPIEGEL-Artikel – eingestellt wurde. Sofort kamen alle meine Zweifel hoch. Mir wurde klar: Ich war nicht in einen Täterkult hineingeboren worden, war niemals ein Opfer ritueller Gewalt gewesen, und auch die Diagnose einer Dissoziativen Persönlichkeitsstörung („Multi“) war absolut falsch. -> FAQ: Was ist eine DIS Ich war Opfer einer ideologisch ausgerichteten „Therapie“ geworden – einer „Therapie“, die mich systematisch zerlegt hatte.
Die Fehlberatung hat mich traumatisiert
Die mehr als sechs Jahre dauernde Fehlberatung hat mich traumatisiert. Ich leide seither an einer Angststörung. In Menschenansammlungen gerate ich in Panik. Die induzierte Angst vor Verfolgung durch die „Täter“ konnte ich bis jetzt (2024, Anm. FMD) noch nicht überwinden. Es fällt mir schwer, Freund von Feind zu unterscheiden.
Die in der Therapie entstandenen Erinnerungen und Bilder kann ich nicht loswerden. Zu einer eigentlich erforderlichen Therapie zur Bearbeitung der so entstandenen Traumatisierung kann ich mich nicht entschließen – mir fehlt das Vertrauen.
Erschwerend kommt hinzu, dass das tatsächliche Problem, wegen dessen ich 2017 Hilfe suchte, nie bearbeitet wurde. Im Gegenteil, es wurde durch die falsche Diagnose „Opfer ritueller Gewalt“ vollständig überlagert.
Anmerkung FMD: Die hier berichteten Erfahrungen decken sich bis ins Detail mit denen einer jüngeren Frau, die nach einer gleich gelagerten „Therapie“ bei Frau A. und Frau B. unsere Beratung gesucht hatte: Målin W. Ihre Geschichte bildete die Grundlage für den im Bericht genannten SPIEGEL-Artikel "Im Teufelskreis" vom 11.03.2023, den Sie in unserer Infothek finden.